Kein feiner Zug

Seit einer Woche beschäftigt mich das Thema „Abschreiben und BZ“ nunmehr und ich glaube, dass man das Ganze nun an dieser Stelle abschließen kann. Heute greifen es die „Süddeutsche“ und der Mediendienst turi auf, aber was weit wichtiger war: dass sich die BZ selbst damit auseinander setzt, um Vergleichbares zu verhindern.

Ich habe zwar noch einige Geschichten aufbereitet, werde aber nichts mehr zum Thema veröffentlichen. Ich denke, dass die vorgelegten Beispiele ausreichend gezeigt haben, dass es sich hier um eine Art „Systemdoping“ für Artikel handelte, also kein einzelner Ausrutscher, sondern eher ein Stilprinzip der Autorin. Die folgenden Fragen dürften noch von Interesse sein:

1. Wie arbeitet die „Badische Zeitung“ das Ganze auf?

Mir ist nichts von einer Kommission oder kleineren Runde im BZ-Haus bekannt, die das ganze Thema komplett aufarbeitet, begutachtet und präsentiert. Es sind aber offenbar einzelne Mitarbeiter daran gesetzt worden, sich die Geschichten vorzunehmen. Es klingt glaubwürdig, was die Chefredaktion am Samstag bekannt gegeben hat. Mal sehen, welche Lehren sich daraus ergeben.

2. Was treibt mich bei der ganzen Geschichte an?

Es hat weder mit Rachefantasien gegenüber der Zeitung (wozu?), einzelnen Personen oder meinem einstigen Job dort zu tun – all dies wurde in den vergangenen Tagen herbei spekuliert. Ich habe bei der BZ journalistische Sorgfalt, Recherchetechniken und Themenfindung gelernt und nebenbei jede Menge Kollegen kennen gelernt, die viel Herz, Hirn und Aufwand in ihre Geschichten legen. Für sie käme Abschreiben nie in Frage. Für mich übrigens auch nicht – und genau da packt mich der Ehrgeiz, die Geschichte, auch öffentlich, aufzubereiten. Richtig gelesen: aufzubereiten. Ich bin kein Richter, die Entscheidungen in dieser Sache treffen andere, logisch.

3. Warum öffentlich?

Ich habe diese Form im Blog bereits 2007 gewählt und zeitgleich die Chefredaktion informiert. Zurück kam eher ein verbales Achselzucken, das Thema war dann kurz Flurfunk, soweit ich weiß aber nie Gegenstand einer kleinen oder großen Redakteurs-Runde. Damit war leider die Grundlage für die jetzt heraus gekommenen Kopien gelegt. Ich habe mich entschieden, auch dieses Mal die Öffentlichkeit eines Blogs zu wählen, weil auch die Plagiats-Artikel und ihre Vorbilder öffentlich einlesbar sind. Über Social Media ergab sich die Möglichkeit zum Austausch (vor allem mit dem Kollegen Klaus) über weitere Fundstücke. Zugleich war Facebook ein Vehikel, die Leute über neue Veröffentlichungen zu informieren. Da sich hier zwischenzeitlich eine etwas hämische Situation entwickelte, die dem inhaltlichen Kern eher abträglich war, habe ich vor der dritten Veröffentlichung auf diese Information verzichtet und mich lediglich aufs Bloggen beschränkt. Auch wenn einige Leute sauer sein dürften: Die gewählte Form, die Recherchen öffentlich zu machen, war die einzig mögliche. Ich denke nach der Erfahrung von 2007 nicht, dass ein höflicher Brief an die Chefredaktion etwas bewirkt hätte. Ich habe aber die Chefredaktion zeitgleich mit der Veröffentlichung per Mail informiert.

4. Wie war die Reaktion der BZ?

Es gab drei Antwortmails des Stellvertreters im Sinne von „Wir kümmern uns drum“, mit kurzem inhaltlichem Austausch. Vom Chefredakeur habe ich nichts gehört, Freitag habe ich ihn dann angerufen, um mit ihm über die Geschichte zu sprechen. Es war unüberhörbar, dass man sauer ist, über den Inhalt der Recherche wie über mein Vorgehen. Man fühlte sich „vorgeführt“, was  in einem SWR-Interview anklang, offenbar aber nicht von der eigenen Kollegin, sondern von dem, der es aufdeckt. Ansonsten gab es viele Anrufe ehemaliger Kollegen, oft die Frage nach dem „warum?“ und eine Einschätzung der Lage.

5. Mit welcher Erkenntnis gehen die Recherchen zu Ende?

Vordergründig liegt hier nach wie vor ein Betrug an Lesern und Redaktion vor, der vor allem dem Zeit- und Publikationsdruck einer Tageszeitung geschuldet war und dem Versuch, unter diesen Bedingungen dennoch als „Edelfeder“ zu glänzen. Tiefer gehend betrachtet, scheint hier aber auch ein Ding abgelaufen zu sein, das fast an Tom Kummer, den damaligen SZ-Fiktions-Interviewer und Borderline-Journalismus-Erfinder, erinnert: Ein fehlendes Unrechtsbewusstsein als Grundlage, zugleich auch der Komplex, dass es ohne Plagiatsbetrug offenbar gar nicht geht. Ob das Plagiieren überhaupt Zeit spart oder gleich eigene Gedanken, sei dahin gestellt. Die letzte Geschichte verdeutlicht dies am besten: Es ist die Geschichte einer Zugfahrt durch Indien, eine Passage von Bangalore nach Goa. Es gibt für eine gestandene Autorin eigentlich keinen Grund, nach solch einem mehrtägigen Trip die Beobachtungen anderer in die eigenen Notizen zu mischen. Noch dazu, wenn andere, wie die mir bekannte Kollegin Karin Ceballos Betancur, vier Jahre zuvor einen anderen Zug genommen haben. Trotzdem sind wieder von der Dachzeile bis zum Einliter-Bier winzige Details sowie die Gliederung übernommen worden. Ein weniger schwerer Fall als erfundene Reportage-Elemente oder geklaute Meinungen zur Bildung, aber einer, der einen ratlos hinterlässt:

Komfortabler kommt man nicht von Bangalore nach Goa (BZ 2010)

Komfortabler kommt man nicht von Mumbai nach Goa („Zeit“ 2006)

Damit soll das Ganze dann auch an dieser Stelle erledigt sein.

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4 Gedanken zu “Kein feiner Zug

  1. Ein schönes Schlusswort. Wir (und damit meine ich auch die, die an den Stellschrauben sitzen und sich jetzt vielleicht in ihrer Ruhe gestört fühlen) sollten uns vielleicht ab und an mal daran erinnern, warum wir Journalisten geworden sind: nicht etwa, um uns nur Freunde zu machen. Sondern ab und zu auch mal weiter zu gehen, wenn es weh tut. Über Berlin zetern ist leicht, vor der Haustür sieht es schon anders aus (darum auch mein ewiger Respekt vor dem Lokaljournalismus).
    Eine zweite wichtige – und überraschende – Folgerung: Social Media und Blogs können mehr sein als Zeitvernichtungsmaschine und Amateurjournalismus. Sondern auch Qualitätskontrolle bestehender Medien. Sozusagen: die verlängerte Werkbank. In diesem Sinne: Chapeau.

  2. Kein Einzelfall… Ich habe mir auch mal den Spaß gemacht, einen willkürlichen Artikel von Frau Kistler zu untersuchen. Witzigerweise einen über den Schwarzwald – Redakteure der Badischen Zeitung sollten da doch in relativ kurzer Zeit hinreisen können.

    Hier die BZ:
    http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/die-urlaubsregion-schwarzwald-feiert-wieder-erfolge–40145937.html

    Und hier die ZEIT – im Jahr 2006 übrigens.
    http://www.zeit.de/2006/11/Schwarzwald_neu

    Schon der Einstieg ist wortwörtlich identisch…

    Es grüßt:
    Harry

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