Ein Mindestmaß an Bildung (Kistlergate III)

Sollen Redakteurinnen länger im Büro bleiben, pardon, „Sollen Kinder länger gemeinsam lernen?“ rätselt die Leiterin des Ressorts „Copy-and-Paste“ der „Badischen Zeitung“ im Juli 2010 in der Dachzeile ihres Beitrags zur Bildungsgerechtigkeit. Was nicht ganz gerecht ist: gerade vier Tage zuvor hatte die Dachzeile der „Zeit“ die gleiche Frage gestellt: Sollen Schüler länger gemeinsam lernen?

Und auf geht’s zu einer weiteren Recherche durch die Guttenberg-Galaxis:

Sollen Schüler länger gemeinsam lernen?

oder

Sollen Kinder länger gemeinsam lernen?

Leider nichts Neues: sozial schwache Familien werden benachteiligt. Muss man das nochmal neu formulieren? Nein, in der „Zeit“ stand es jedenfalls so:

Das »längere gemeinsame Lernen« werde, so die Überzeugung seiner Unterstützer – und der gute Wille sei ihnen nicht abgesprochen –, mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. Kinder aus sozial schwachen Familien könnten demnach in der Gemeinschaft mit Kindern aus höheren Bildungsschichten mehr lernen…

… und so in der BZ:

Die Befürworter des längeren gemeinsamen Lernens erwarteten vor allem mehr Bildungsgerechtigkeit. Ihr Argument: Die Aufteilung nach der vierten Klasse in verschiedene Schularten benachteilige Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern, weil sie in der Gemeinschaft mit Kindern aus höheren Bildungsschichten mehr lernen könnten.

wie ist das denn im internationalen Vergleich? Fragen wir „Die Zeit“:

denn das deutsche Schulsystem hat sich im internationalen Vergleich als ungerecht erwiesen.

und so sieht es die „BZ“:

denn das deutsche Schulsystem hat sich im internationalen Vergleich als ungerecht erwiesen.

Jetzt wechseln wir das Kopiermaterial, denn der Hamburger Kollege Kerstan hat sich in der Vergangenheit bereits als Experte erwiesen. Voila:

Dort hat ein Akademikerkind – bei gleicher Schulleistung! – eine dreimal größere Chance als ein Arbeiterkind, auf das Gymnasium statt auf die Realschule zu wechseln.

kann man eigentlich – mit gleicher Zeichensetzung! – grade so übernehmen, BZ:

In Deutschland hat ein Akademikerkind – bei gleicher Schulleistung! – eine dreimal größere Chance als ein Arbeiterkind, auf das Gymnasium statt auf die Realschule zu wechseln.

Und das sind die Probleme dabei laut „Zeit“:

Problematisch wird es dann, wenn die Hauptschule zur »Restschule« wird. Zu erleben ist das in vielen Großstädten, vor allem dort, wo zusätzlich Gesamtschulen um Schüler buhlen. An den »Restschulen«, die vielerorts weniger als zehn Prozent der Schüler versammeln, ballen sich die sozialen, sprachlichen und ethnischen Probleme derart, dass sie kaum mehr zu beherrschen sind.

Kaum mehr zu beherrschen? Nicht in der „BZ“:

Problematisch wird es dann, wenn die Hauptschule zur Restschule wird. Wenn sich in den Großstädten weniger als zehn Prozent eines Jahrgangs an den Hauptschulen versammeln, ballen sich die sozialen, sprachlichen und ethnischen Probleme derart, dass sie kaum mehr zu beherrschen sind.

„Die Zeit“ vergleicht zwei Nachbarn:

Aber es gibt handfeste Gegenbeispiele: Länder wie Belgien und die Niederlande etwa, das belegt die Pisa-Studie, sind trotz Primarschule nicht gerechter als Deutschland

Die „BZ“ nennt genau so handfeste Gegenbeispiele:

Doch es gibt auch handfeste Gegenbeispiele: Die Niederlande und Belgien zum Beispiel haben eine sechsjährige Grundschule und sind, wie Pisa zeigt, noch ungerechter als Deutschland.

Jetzt kommt das Schlusswort, es spricht der Bildungsexperte Jürgen Baumert im „Zeit“-Interview

… den Schwächsten der nachwachsenden Generation – es sind die zwanzig Prozent der Risikogruppe – jenes Mindestmaß an Bildung zu vermitteln, dessen sie für eine gesellschaftliche Teilhabe bedürfen.

Bei Petra K. werden aus Herrn Baumert gleich mehrere „Bildungsforscher“, die sich darin einig sind:

… den Schwächsten der nachwachsenden Generation jenes Mindestmaß an Bildung zu vermitteln, die sie für eine gesellschaftliche Teilhabe brauche.

Hierzu ist fairnesshalber zu sagen, dass die Stelle zwar zitiert daher kommt, aber natürlich weit besser als eigene Idee präsentiert werden kann, wenn man den Urheber des Zitats und eine korrekte Zitierweise verschleiert. Sauber ist das nicht, aber es ist die harmloseste Stelle aus der vorliegenden Abschreibhalde, die sich ausgerechnet mit dem Thema ‚Bildung‘ beschäftigt. Es wird leider nicht der letzte Beitrag an dieser Stelle bleiben.

P.S.: Wie immer Dank an den lieben Ex-Kollegen Klaus, dessen Erst-Recherche die Grundlage für den Text hier legte. Guckt Ihr auch hier:

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4 Gedanken zu “Ein Mindestmaß an Bildung (Kistlergate III)

  1. Na das ist doch endlich ‚mal ein Thema für Deinen Blog.

    Lieber ein dreiviertel Jahr auf einen echten Raschke warten wie das abgekupferte Zeuchs von der BZ lesen müssen.

    Auf die drei Punkte am Samstag.

  2. (hier standen eigentlich die kommentare eines ehemaligen BZ-redakteurs und meine erwiderung darauf. er hat mich gebeten, seinen kommentar zu entfernen, was ich gerne tue, allerdings ist auch meine replik darauf hinfällig. dies zur info, rr)

  3. Chapeau, Rudi und Klaus,

    wenn schon in der BZ nicht recherchiert wird, dann müssen das halt Blogger machen. Besonders schlimm finde ich an dem Fall Kistler, dass sie ja früher auch Volontärsausbilderin war. Mal gucken, ob Hauser jetzt die Merkel macht, oder ob Konsequenzen folgen.

  4. Wenn ich mir nicht heut mal die Süddeutsche gekauft hätte, weil mein BZ-Abo abgelaufen war, hätt ich das nie mitgekriegt.
    Danke fürs Recherchieren, Respekt, Helene

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