Die schnelle Nummer (Kistlergate Vol.2)

Wer gestern an dieser Stelle dachte, die in der Montags-„BZ“ komplett zusammengeklaute Nummer über Schwiegermütter sei ja wegen des Themas eher ein Leichtgewicht im Vergleich mit KTs europäischer Verfassung, darf sich heute über ein etwas ernsteres Thema informieren, es geht um Prostitution. Denn der gestrige Zufallsfund bei der Redakteurin der „BZ“ war nach einem Absatzklau vom Jahr 2007 bis jetzt nicht der einzige Fund, es tauchen ständig neue Betrügereien an Lesern und Kollegen auf.

Los geht’s:


Die Zeit gab 2008 ein neues Gesetz so wieder:

Vereinbarungen mit Prostituierten sind nun rechtsverbindlich, das Honorar ist einklagbar. Bordelle können Frauen – und Männer – anstellen, Sozialabgaben und Krankenversicherung zahlen.

Darin war sie sich offensichtlich mit Frau K. einig, die in der BZ zwei Jahre später schrieb:

Vereinbarungen mit Prostituierten sind rechtsverbindlich, das Honorar ist einklagbar. Bordelle können Frauen – und Männer – anstellen, Sozialabgaben und Krankenversicherung zahlen.

Die Auswirkung des Gesetzes kam in „Der Spiegel“ nur suboptimal weg:

Zweifellos war das Gesetz gutgemeint. Es sollte ein Kapitel deutscher Sittengeschichte schließen, das an Bigotterie kaum zu überbieten war.

Petra K. schließt sich dem an:

Das Gesetz war gut gemeint. Es sollte ein Kapitel deutscher Sittengeschichte schließen, das an Bigotterie kaum zu überbieten war.

Wie Prostitution ausschaut, definierte wieder die Zeit in einem anderen Text:

Für die eine bleibt sie Episode, für andere die lebenslang erfüllendste Berufsoption. Einige pendeln zwischen Prostitution und bürgerlichen Berufen. Die Sexarbeiterin, die in ihrem Bordell auch mal einen Mann ablehnen darf und nur noch 30 Prozent ihrer Einnahmen abgeben muss, hat nichts gemein mit der drogenabhängigen 19-Jährigen, die für zehn Euro ins Auto des Freiers steigt.

Klingt einleuchtend, kann man aber auch abkürzen, meint die Elster unter den BZ-Redakteurinnen:

Für die einen bleibt Prostitution eine kurze Episode, für andere eine längere Option. Die Sexarbeiterin, die auch mal einen Mann ablehnt, hat nichts gemein mit der Drogenabhängigen, die für zehn Euro ins Auto des Freiers steigt

Das Umwerfende ist aber, dass die in Berlin von einer Buchautorin dargestellten Prostituierten zufälligerweise exakt so ausschauen, wie die von der BZ-Expertin in Freiburg besuchten, laut des Textes der “ Zeit“ nämlich so:

Die Frauen dort waren weder blutjung, gertenschlank noch umwerfend schön. Sie wirkten selbstbewusst, unabhängig, gingen ihrer Arbeit gern nach und fühlten sich als Chefinnen in einem Gewerbe, in dem sie über Arbeitszeit, -ort und -ertrag selbst entscheiden.

Freiburg, Berlin, egal, ist doch alles das Selbe, beschreibt Frau K.:

Frau S. ist weder blutjung, gertenschlank noch umwerfend schön. Doch sie wirkt selbstbewusst und unabhängig, sie ging ihrer Arbeit gern nach und fühlte sich als Chefin in einem Gewerbe, in dem sie über Arbeitszeit, Arbeitsort und Verdienst selbst entscheiden konnte.

Fertig ist die schnelle Nummer. Journalismus  – das ist zumindest meine Meinung – ist leider auch „kein Beruf wie jeder andere“. Ich habe die Chefredaktion der „BZ“ gestern deshalb über den Fall informiert. Denn bei allein heute vier schlauen Texten zum Dissertations-Plagiat darf man ja auch mal im eigenen Haus nachschauen, wie es um „Täuschung und Betrug und Diebstahl geistigen Eigentums“ (Vize-Chef Thomas Fricker im heutigen Leitartikel) in der Basler Straße bestellt ist. Auch wenn vielleicht nicht Deutschlands Zukunft am Hindukusch verteidigt wird, sondern nur die Glaubwürdigkeit (und damit die Zukunft) einer Regionalzeitung.

(Dank an Klaus für weitere Schnell-Recherchen)

P.S., 11.30 Uhr: Die BZ hat den gestern hier untersuchten Text über die Schwiegermonster vorerst aus dem Netz genommen. Wer nun ans Spurenverwischen denkt – langsam machen, es schaut durchaus so aus, als ob sie das Thema prüfen.)

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