Über Twitter- und echten Journalismus

focus_twitter_amok1Aus gegebenem, traurigem Anlass (Bild re.: Bildschirmfoto von Stefan Niggemeier) findet im Netz gerade ein sehr ausgiebiger Streit über das Medium Twitter und über Grenzverletzungen von Journalisten statt, die mit den Mitteln des Bürgerjournalismus arbeiten. Twitter ist für den Absender eine Art „SMS an alle“, ein Microbloggen in 140 Zeichen. Wenn es von Leuten wie Hubertus Heil oder Thorsten Schäfer-Gümbel betrieben wird, wird das ganze Medium regelmäßig der Lächerlichkeit preisgegeben, ansonsten kommt es wohl in erster Linie bei Katastrophen zur Entfaltung: Die Attentate von Mumbai, die Notlandung auf dem Hudson und die Schreckenstat gestern sind solche Beispiele für Ereignisse, bei denen Twitter der schnellste Nachrichtenübermittler ist. Viel Qualität und Tiefe hat das nicht, richtig schlimm wird es, wenn Journalisten aus der Benutzung des Zwitscherkanals ein eigenes Ereignis machen, wo eigentlich etwas ungleich Wichtigeres Gegenstand der Berichterstattung sein sollte.

Das ist gestern geschehen, die Freiburger Bloggerin Caro, zugleich Redakteurin bei fudder.de, versucht sich das Zustandekommen dieses „Twittermülls“ emotional zu erklären. Stefan Niggemeier zeigt die Auswüchse am Beispiel der gestrigen focus.de-Berichterstattung und ist auch von stern.de entsetzt. Und Harald Martenstein, die coole alte Sau des West-Berliner Kolumnenwesens, schreibt ganz ohne aktuellen Bezug, aber durchaus treffend, warum er auf Twitter als Sekundenmedium verzichtet. Ich bin ebenfalls skeptisch und frage mich, was der Live-Ticker des Lebens noch bringen kann.

fotomontage-11freundeA propos Live-Ticker: Bei den Nominierungen für den diesjährigen Journalisten-Bambi „Henri-Nannen-Preis“ gibt es handfeste Überraschungen. Nachdem man bis vor ein paar Jahren ein wenig den Eindruck hatte, dass es in Deutschland eh nur fünf Schreiber von Zeit, Spiegel, Geo und Süddeutscher gibt, die das Ding als Wanderpokal unter sich tauschen, sind unter den Nominierungen 2009 einige Überraschungen und nicht so bekannte, vermutlich junge Reporter. Darunter in der Rubrik „Humor“ ausnahmsweise mal nicht Axel Hacke, sondern die sehr lustige Reportage von Oliver Maria Schmitt (titanic), der für die „FAZ“ als türkischer Feuchtgebiets-Pilgerautor Kampfakquise auf der Buchmesse betrieb. Und die ganz große Überraschung sind die „11 Freunde“, deren super-launiger „Live-Ticker“, und jetzt sind wir wieder beim Thema, ebenfalls zum Edelfeder-Treff eingeladen ist. Das freut einen riesig, umso mehr, wenn man sich nochmal paar Beispiele anschaut. Mitkommen, hier entlang:

Wie Marcel Reif einmal die Räuspertaste vergass: Hoffenheim vs. Bremen

Wie Diego, nüchtern, eine Ecke ausführte: Werder vs. Milan

Schöner kann man das Medium „Live-Ticker“ nicht füllen und zugleich parodieren. Wer weiß, vielleicht wird ja aus Twitter doch noch was.

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