Das wird der Bücherherbst 2008

Diese Woche habe ich endlich Iris Hanikas „Treffen sich zwei“ aus der Hand legen können, ein in doppelter Hinsicht qualvolles Buch, das für mich unverständlicherweise auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Qualvoll, weil es ziemlich handlungsarm und gefühlsduselig, aber weitgehend humorfrei die Nöte einer Liebe zwischen zwei Fourty-Somethings in Kreuzberg erzählt, er Systemberater und Nerd, sie Kunsthysterikerin. Qualvoll aber auch, weil die Hanika eine tolle Autorin ist, die mit dem „Loch im Brot“ eine wunderbar assoziative Sammlung zum Alltag, ein richtig schlaues Blog in Buchform auf dem Markt hat. Umso schöner, dass jetzt große Literatur hier Einzug hält.

Gestern habe ich eine hübsche Buchbestellung in Auftrag gegeben, aber davor noch die Autobiografie „White Line Fever“ von Lemmy „Warzengesicht“ Kilmister angefangen. Nicht, weil ich Lemmys geschätzte 170 Zwei-Minuten-Lieder, die alle wie „Ace of Spades“ klingen, so bezaubernd finde. Ausgangspunkt war dieses Interview, dass er kürzlich dem Samstags-Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat, für mich sonst eines der scheußlichsten Erzeugnisse deutscher Presse. Es widmet sich überwiegend der Pink-Floyd-Verherrlichung, Dramoletten von Frühvergreisten und Selbstbeweihräucherung. Umso schöner, war es, dass Lemmy auf der letzten Seite dem Ober-Poser und Ressortchef dieser tristen Sammlung mal erklärt, woher Bartel seinen Most bezieht. Es ging ums Geschmäcklertum bei Whisky, der „100 Jahre in Eichenfässern von schwulen Pfarrern bewacht“ wird und um Bonos Stimme, den Kunstbetrieb und den eigenen Tod: „Ich fall nicht um, ich verpuffe“ hat es bereits zur Redensart in meinem Bekanntenkreis geschafft. Umso schöner jetzt das Buch, das alles hält, was das Interview verspricht. Vollständig überarbeitet ist das Werk übrigens von meinem einstigen Münchner Büro-Mitinsassen Kai alias „Dr.Rock„, in jeder Hinsicht ein würdiger Statthalter des Rockgottes auf deutschem Boden.

Bestellt habe ich das neue Werk von A.J.Jacobs, „Die Bibel und ich“. Der US-Journalist ist für mich der König des Selbstversuchs. Ich habe eine minimale Erfahrung mit entsprechenden Reportagen, habe mich zum Check in Münchner Schönheitskliniken eingewiesen, in österreichischen VIP-Sanatorien entschlackt, mich auf Billig-Kreuzfahrten betrunken oder eine Woche bei Klinsmann-Guru Verstegen den Gummitwist getanzt. Das ist alles ein müdes Fingerzucken gegen die Großprojekte von Jacobs: Nachdem er in „Britannica & ich“ das gleichnamige Lexikon von hinten bis vorne ausgelesen hat, lebt er jetzt in seinem neuesten Werk ein Jahr lang nach der Bibel: Keine Lügen mehr, kein Bartstutzen und viele andere alttestamentarische Dinge mitten im neuzeitlichen New York.

Weiter im Paket, das mir Bookworld.de, das badische Amazonle, morgen ins Haus liefern wird: Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, das heute – um ein Schreckensattribut zu verwenden – kongenial vom großen Freiburger Wahnsinnigen Dietmar Dath in der FAZ gewürdigt wird. Ich erwarte noch mehr Apokalypse als in „1979“ von Kracht, das ebenfalls sehr spooky war, vor allem aber brilliant geschrieben.

Und zum Schluss natürlich noch das Ratgeber-Buch, das mit allen Ratgeber-Büchern aufräumt: Katrin Passig und Sascha Lobos „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Passig und Lobo muss man vermutlich nicht vorstellen, sie stecken hinter diversen Blogs und der Berliner „Zentralen Intelligenz Agentur“. Sie schleusen Leute aus ihrem Stall in die Klagenfurter Bachmann-Tage ein und gewinnen dort auch noch, aber Lobo mit seinem Kehrbesen-Iro scheut sich auch nicht, im Hause Burda den Internet-Punk zu geben oder den Berater für Hunde-Portale. Was beide perfekt beherrschen: der bisweilen traurigen Welt des Lebens in Projekten statt in Arbeitsverhältnissen und dem urbanen Pennertum eine konstruktive Seite abzugewinnen, die sie als Berichterstatter aus der Mitte des Hamsterrads stets sehr gut auf den Punkt bringen. Nachlesen durfte ich das bereits in „Wir nennen es Arbeit„.

Ich freu mich jedenfalls riesig auf verregnete Abende mit diesen alten Bekannten und erinnere dabei gern an meinen einstigen Prof Rüdiger „Duz mich“ Scholz, der ca. alle fünf Minuten im Seminar mit antiautoritärem Zeigefinger empfahl: „Lest das mal“. Auf geht’s.

Advertisements

3 Gedanken zu “Das wird der Bücherherbst 2008

  1. Wie schön, dass nach Pink Floyd und einigen Frühvergreisten jetzt mit Lemmy und Motörhead mal blutjunge Musiker mit ihren neuesten Musiktrends in der SZ interviewt werden.

  2. hat ja niemand behauptet, dass das interview aus jugendlichkeitsgründen so lesenswert war. lemmy doziert über den umgang mit idioten („nie mehr als acht davon am tag“) und glücklicherweise hatte er grade einen vor sich sitzen. sowas liest man gern, auch bei 62-Jährigen.

  3. mahlzeit der herr,

    also am 17.11.08 pflichttermin in deiner stadt: DM Bob gastiert im Great Räng Teng Teng. hingehen, egal was ist. durst mitbringen nicht vergessen. dir und den deinen ne schoene zeit und bis die tage
    dr rock

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s