Playoff: Äpfel vs. Birnen

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Am Dienstag bin ich fremd gegangen: Mein Besuch beim siebten Playoff-Match des EHC war der erste seit fünf Jahren, davor war ich einmal als Eventfan in Schwenningen dabei und davor wiederum bei Spielen, als der Club noch ERC hieß und die Spieler Laycock und Heatley. Die Rede ist von Eishockey und meine Vorurteile bzgl. dieser Sportart reichen von hier bis Toronto: Zu unseriös, zu anstrengend ohne dreifach-Zeitlupe, zu ungebildet, zu brutal, zu viel Tor-Inflation, zu doofe Regeln. Zeit für eine Überprüfung und einen Vergleich – SC Freiburg vs. EHC Freiburg. Wer mir die Vereinsbrille vorwerfen mag, hat recht, kann aber auch jetzt das Lesen einstellen.

Der Schauplatz: Das badenova-Stadion ist im Vergleich zur rustikalen Eishalle ein Glamourversprechen. Wer an der Ensisheimer Straße am Ausläufer der Stehränge Platz findet, sieht ein Drittel seines Blickfelds von Holzbalken durchkreuzt. Ich stehe unterm Dach auf der obersten Stufe, mein Kopf berührt ums Haar die Pressspanplatten, die die Decke bilden und ich kann nicht verhindern, dass ich paar Mal an die Bad Reichenhaller Halle denken muss. Hoffentlich hält der Fachwerk-Saloon hier noch eine Weile. Wenigstens sehe ich beide Torgehäuse. 1:0 für den SC.

Der Skurril-Moment: Kurz vorm ersten Bully fährt ein Renault Twingo zu Werbezwecken auf die frisch spiegelnde Eisfläche. Während Schiris, Indianer und Wölfe nach und nach rauskommen, kreiselt der Twingo-Mann sich in Schwung wie ein Rentner beim ADAC-Schlingerkurs. Keine Ahnung, wieviel Geld das bringt und wieviel Spieler er pro Saison überrollt, aber das gibt’s beim SC nicht: 1:1

Der Dresscode: Auch mein Lieblings-Verein hat Mode-Torheiten hinter sich, aber Eishockey-Trikots sind einfach von erlesener Hässlichkeit. Besonders historische „Merry Christmas“-Editionen imponieren im Gedränge. Ich selbst dampfe in Daunenmantel, Handschuhen und Schal an einem warmen Plätzchen und komme mir vor wie eine depperte Tennismutter im Pelzmantel. Trotzdem 2:1 für den SC.

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Die Fans: Früher glaubte die halbe Stadt, dass die EHC-Fans kreativer, lauter und deftiger singen. Aber inzwischen gibt es kaum noch einen Choral, der nicht zwischen FR-West und FR-Ost ausgetauscht wurde. Die zwei einzigen Lieder mit EHC-Exklusivität sind peinliche Versionen von „Kreuzberger Nächte“ und „Ihr Kinderlein kommet“. Dazu viel Vulgäres zwischen Schweinepest und Hurensohn. Zwischenstand 3:1, aber wie die Fans am Ende die Mannschaft feiern, geschlossen in der Halle bleiben, zu drei Ehrenrunden bitten, das hat Größe. 3:2

Die Verpflegung: Warum das Rothaus hier nur in 0,3l-Fingerhüte gezapft wird, bleibt unklar. Dafür werden Merguez vom Metzger Reichenbach gereicht, auf die stilecht Harissa gepinselt wird. Wegen zu heftigen Fetteinsatzes setzt sich hier allerdings die SC-Nordwurst von Chico durch. 4:2.

Das Spiel: Das Unglaubliche geschieht. Ich sehe alle Tore, wie sie deutlich im Netz einschlagen. Darunter ist ein Bauerntrick de Luxe von Kadera, den selbst ich als Eishockey-Laie nach einer Zehntelsekunde als sensationell einordnen kann. Obwohl neun Tore fallen, wird man sich dieses im Gedächtnis einrahmen. Vereinsbrille abgesetzt: Das hier ist heute wirklich schwer aufregend: 4:3

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Das Gesamterlebnis: Große Moral war das am Dienstag. Rückstände im Spiel und in der Serie wurden ausgeglichen, der Verein, sagt fudder-Kollege Marc E., habe an diesem Abend nach Jahren der Erniedrigung wieder etwas für sein Seelenheil getan. Ein besonderer Moment, den man in einer netten Runde bei ein paar Bieren und unfassbaren Anekdoten mitgenießt. Trotzdem hätte ich als Fan nicht die 54 Liga-Partien davor über mich ergehen lassen wollen. Also keine Wertung.

Bonus-Punkt: Selten so literarische Namen auf einer Ersatzbank gesehen wie gestern bei Hannover – Krull (Thomas Mann), Sondermann (Bernd Pfarr) und Du (Schweizer Kulturheftli für arte-Fanatiker) war da zu lesen, Herr Du soll sogar Harvard-Absolvent sein. Dafür kann der EHC aber nix, es bleibt beim knappen SC-Sieg, einem super-launigen Abend – und doch ein paar abgetragenen Klischees. (P.S.: die unten abgebildetete Räumlichkeit habe ich übrigens nicht von innen gesehen, hab sie bloß fotografiert, weil sie schön puffig ausschaut.)

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6 Gedanken zu “Playoff: Äpfel vs. Birnen

  1. weitere reminiszensen aus einem früheren leben an der ensisheimer strasse:

    – tatort nordkurve: ein abgebrochenes stück von „baby’s“ wunderkerze versengt meinen kopf, die brandblasen halten sich wochenlang.

    – tatort eisfläche 1: venci sebek zieht von der blauen linie halbrechts vor der haupttribüne (…) ab, sengt den puck gegen den rechten torpfosten, wobei letzterer in zwei teile zerbricht….

    – tatort eisfläche 2: rick laycock war freiburgs antwort auf gretzky.

    lange ist’s her. so was nennt man dann wohl „in anderen lebensabschnitten herumkruschteln“.

  2. BABY !!! eine echte legende!!
    bravo sven! wenns den noch gibt, komm ich näxtes mal mit, und wir schauen uns das glamuröse VIP von innen an

  3. He, Kommentar von mir kommt spät, aber immerhin…
    War letzte Saison auch zum ersten mal seit Jahrzenten wieder in der Eishalle. Hab meine Fan-Karriere als 8-jähriger zu ERC-Zeiten mit Heatley, Mike Bruce, Urpo Ylönen und wie sie alle hießen, begonnen. Ach ja, der Asbach-Weber und Jack Rosenberg waren auch noch dabei. Ach war das schön, Gott hab sie alle selig.
    Als ich im Frühjahr 2008 dann nach mehrjähriger Abstinenz wieder zurückkam, hat es mich gefreut, zum Teil noch genau die gleichen Lieder wie vor 30 Jahren. So konnte ich wenigstens noch mitsingen. 🙂
    Bitte gebt mir auch Bescheid, wenns das Baby noch gibt. Und wenn nicht, dann sagt mir wo sein Grab ist, damit ich eine Wunderkerze und ein paar abgeschlagene Hundeköpfe, -füße und ahaaaaalle Schwänze niederlegen kann.

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