Verbung

titel_h33.jpgVergangene Woche bin ich mittags kurz beim Vincent Klink in Stuttgart eingekehrt, in einem von vielleicht zwei Sternerestaurants in Deutschland, bei dessen Ambiente man nicht wünscht, man wäre Stevie Wonder. Mittagsmenü ist in Lokalen wie der „Wielandshöhe“ immer noch die schönste Tageszeit, man blickt auf Stuttgart und genießt die Gerichte des Meisters, die inzwischen etwas konservatorisch anmuten, wie in einem Museum für aussterbende Speisen. Gut so. Ich esse den besten Kartoffelbrei meines Lebens – selbst der meiner Großmutter war nie besser, dazu Kalbsleber undundund.

Der Patron setzt sich zweimal zu mir zum Plaudern und reicht mir die neueste Ausgabe seines „Häuptling Eigener Herd„, bei dem er mittlerweile sogar das Layout selbst brutzelt. Ich lese darin die neueste Wortkreation, die Vinces Freund Wiglaf Droste in der Zürcher „Kronenhalle“ aufgesaugt hat, als ihm der Kellner einen ausgezeichneten „Frühstückswein“ empfahl. Und wechsle hiermit schwungvoll das Thema, weil ich mir gleich nach der Heimkehr Drostes Buch „Will den in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?“ bestellt habe.

droste_china_sack_gr.jpgInzwischen bin ich durch und nicht nur vom Titel begeistert – für mich Drostes zweitbester nach „Wir sägen uns die Beine ab und sehen aus wie Gregor Gysi„– sondern auch von der Entwicklung des Droste’schen Alterswerks. Genussmensch Wiglaf ist inzwischen nicht nur hochkulturdekoriert (Droste-Hülshoff-Preis, Ben-Witter-Preis), sondern auch altersweise, aber gottseidank nicht -mild. Und er ist nicht im Kulturbetrieb versippt, was keineswegs selbstverständlich ist. Am schönsten ist seine Kritik der Sprachpraxis, gegen die Kollege Sick wie ein maßloser VHS-Lehrer erscheint und Wolf Schneider wie der alte General aus „Hot Shots“. Und dann diese Verben, die Droste aus ostwestfälischem Slang, naheliegenden Substantiven und überbordender Fantasie komponiert. Eine Auswahl der feinsten:

zupetern, vollprengeln, hubschraubern, herumölen, knuppern, pröttern, blitzblanken, honigkucheln, heraufsinken, herbeisaufen, herumhausmeistern, summseln, aufmandeln, anflanschen, piepmatzen, herumdölmern, förstern, losfitschen, gamsbarten, herumforkeln, hirscheln, schnappschildkröten, ramentern, abvatern, fieseln, nöddeln, ningeln.

Ferner begeistert sich Droste lyrisch für Eichendorffs Taugenichts: „Es vollzieht sich das Schwelgen / auf Breitreifenfelgen“, schenkt Günter Grass den gerechten Finalverriss und macht wunderschöne Funde bei Wilhelm Busch und dessen „ästhetisch durchgeglühten Tanten“. Neben toten Dichtern bekommt ein lebender Comedian die beste aller Schmähungen: Die „Kotorgel Oliver Pocher“. Drei Worte für ein Hallelujah.

Wiglaf Droste, Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?, Edition Tiamat, 16 Euro.
Häuptling Eigener Herd, Band 33 „Familie“, Edition Vincent Klink, 14,80 Euro.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s