Wirf die Gläser an die Wand

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Nach gemischten Erfahrungen mit dem Abo in Dieter Dorns Residenz ging es gestern mal auf die andere Straßenseite der Cartier- und Kulturmeile Maximilianstraße: Frank Baumbauers Kammerspiele sind als großartiger Jugendstilbau nicht nur das vermutlich schönste Theater Deutschlands, sie lassen auch mit heutigem Jugendstil hin und wieder die Fetzen fliegen, um sich vom Hochkulturtempel gegenüber abzugrenzen.

Gegeben wurde Drei Schwestern von Anton Tschechow, das mit dem ewigen „Nach Moskau„-Schlachtruf eigentlich für mich auf den Punkt und zu Ende erzählt scheint. Von daher habe ich mich erst ein wenig gegen die fast dreieinhalb Stunden Kummerspiel gesträubt. Umso schöner war dann die erste Hälfte: Die drei bräsigen Schwestern, die andere für ihr eigenes Losertum verantwortlich machen, starteten herrlich komödiantisch in den Abend, rafften die immergleichen Salon-Smalltalks zu einem Monolog Olgas zusammen und setzten sich riesig-traurige Masken auf, die zwischen Kindchenschema, Frühvergreisung und Asia-Comic für wundersame Melancholie sorgten. Bis dahin war der Theaterabend auf Einserkurs, eine Note, die ich seit Friedrich Schirmers und Michael Thalheimers Zeiten in Freiburg nicht mehr für zückenswert gehalten hätte.

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Ja, wenn der Abend nach der Pause nur nicht so saumäßig abgefallen wäre: Statt melancholischem Salon gab’s wieder die üblichen Lallereien, Umherwälzereien, Leintuchspielchen und lauter andere Einfälle, die (anders als in Teil eins) leer neben dem Stück standen, aber offenbar den Zerfall der Ordnung darstellen sollten – und wohl notwendig sind, um zum Berliner Theatertreffen eingeladen zu werden, was der Inszenierung von Andreas Kriegenburg im Mai auch gelang. Gesamturteil daher: Note 2-, gelungener Abend, am Ende ein bissel zu lang.

(Drei Schwestern, Regie: Andreas Kriegenburg, nächste Vorstellung am 26.12., www.muenchner-kammerspiele.de)
Bilder: Arno Declair (o.), Münchner Kammerspiele (u.)

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2 Gedanken zu “Wirf die Gläser an die Wand

  1. ich finde du hättest die großartige tanznummer von Andrej Sergejewitsch Prosorow ruhig erwähnen können. 😉 alleine das ist doch schon den besuch des stückes wert.

  2. ja, die nummer von sergej rockt schon – für alle nicht-eingeweihten: ein mann mit einem umgeschnallten fatsuit, der mit einem traurigen lampion auf dem kopf seltsam umherwackelt. das hat schon was. leider kann man ihn nicht für parties mieten 🙂

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