Voll auf die Messe

Das war die Frankfurter Buchmesse:

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1. Der Kapitalismus lebt
„Wissen Sie, das ist freie Marktwirtschaft, wir leben im Kapitalismus“ klugscheißt der Hotel-Rezeptionist, als ich beim Auschecken laut werde. Das Zimmer kostet 260,- Euro für eine Nacht (gebucht wie immer per hrs.de) und weil es vor Ort unfassbar billig aussah, hatte ich zwischendurch den wahren Preis auf der Homepage gecheckt: Normal ab 49,- Euro! Selbst schuld? Nun, bei einem 500prozentigen Aufschlag übermannt selbst den dickzigarrigsten Kapitalisten das schlechte Gewissen. Deshalb fand jeder Gast ein Schiffchen mit einer Überdosis Käse- und Butterecken auf dem Frühstückstisch – ich hatte 46 Philadelphias, Krafts und Meggles. Aber weil wir in einer freien Marktwirtschaft leben, darf ich alle künftigen Frankfurt-Übernachter hiermit ausdrücklich warnen: Wenn Ihr am Main seid, dann umfahrt das Hotel „Royal“ in Sachsenhausen großräumig. Wer zur Buchmesse den fünffach-Preis nimmt, ist auch im Rest des Jahres kein guter Mensch und Hotelier. Schön, dass man das im Kapitalismus frei äußern darf.

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2. Katalonien macht Spaß
Zu den lustvollsten Geldverschwendungen im Sinne kultureller Regionenwerbung zählten die „Sonar Nits“ im Bockenheimer Depot. Keine Ahnung, was das mit der Literatur der Buchmessen-Gastlandregion zu tun hatte, aber der famose DJ Herbert legte an der Seite barcelonesischer Topacts Platten auf (leider zu spät für mich), dazu kochten Sterneköche aus der Region feinste Tellerchen, die nach Sitte des „fliegenden Buffets“ an uns Buchfreunde heran getragen wurden. Unvergesslich: Eine famose Pfirsichsuppe mit Joghurteis. Ebenso unvergesslich: Das im Anschluss aufspielende „Gemüseorchester“ aus Wien, ein Quatsch, wie er nur im Hochsubventionswesen stattfinden kann – acht Musiker, die ausschließlich auf Karotte, Kürbis und beim Kohlreiben Geräusche erzeugen. Schwerer Nerd-Spaß, reichlich unhörbar und mit einem Tick zu viel Ernst unter der asymetrisch rasierten Frisur vorgetragen.

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3. Taschen hat den Größten
Am Donnerstag abend waren Kollegin Beckmann und ich am Stand des Kölner Taschen Verlags verabredet. Was waren wir geschmeichelt: Presselady Christine Waiblinger, definitiv eine der angenehmsten ihrer Zunft, verabschiedete eben noch schnell Frank „FAZ“ Schirrmacher und seine Zweitgattin Rebecca Casati, ehe wir zum Standrundgang abklatschten. Besonders lustig war es wie immer, die neuesten Erotika von Benedikt Taschen durchzublättern – nicht, weil der Hihi-Effekt ein Problem auf dieser Hochkultur-Schau wäre. Sondern weil nur Taschen es schafft, aus Film-Stills mit gynäkologischen Details von Vanessa del Rio kein Bahnhofskioskheftchen, sondern einen Prachtband zu zimmern, der dann – mehr Möbelstück als Buch – limitiert 750 Euro kostet. Sensationell.

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4. Die besten Titel
Die Lust, jetzt und sofort, am besten noch auf dem Wucherbett im „Royal“, den deutschen Schlüsselroman zu schreiben, hält sich bei der Buchschwemme verständlicherweise in Grenzen. Lust, einen kleinen, feinen Verlag zu führen, kriegt man trotzdem. Schuld daran sind die „Kleinen“ wie Rogner & Bernhard, von denen man den ganzen Stand leerlesen mag, so schön sind dieses Jahr Auswahl und Aufmachung des Repertoires. Außerdem in guter Erinnerung: Ein Herder-Titel, der seltsamerweise bei der Trend-Story „Der Kampf um Gott“ (Spiegel) vergessen wurde – „Die wunderbare Welt der Katholiken. Eine Art Liebeserklärung“ vom badischen Verlags-Desperado Peter Modler (Amoltern).

5. Wie man auffällt
Der ebenfalls badische Autor Adrian Geiges hat nicht nur ein Schelmenstück geschrieben, das in China spielt („Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann“), sondern muss dies auch noch in Verkleidung bewerben: Am Freitag morgen steht er im chinesischen Zirkus-Kittel wie ein Beatle auf dem „Sgt.Pepper„-Cover am Eichborn-Stand und wartet auf ein TV-Team. Oder Thomas Glavinic: Der hat einen selbstreferentiellen Branchenroman geschrieben und wird jetzt ebenfalls auf den Messefluren gefilmt: Er selbst hält sein Buch im Arm, es heißt „Das bin doch ich“ und die Aufnahme des Ganzen ist die gelungenste Endlosspiegelung der gesamten Messe.
(Bilder gibt’s am Montag früh, wenn ich das Überspielkabel wieder finde)

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