Auf der Jahreshauptversammlung

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Die Überschrift klingt nach Siemens oder Deutsche Bank, aber gemeint ist das Mitglieder-Treffen des Sportclub Freiburg, das Montag abend abgehalten wurde. Ein Abend, wie er nur in der bewegtesten Stadt Deutschlands stattfinden kann. Hier sind meine Versammlungs-Eindrücke:

Das Vorgeplänkel:
Ich habe die Hosen voll, als ich mittags um eins nach Freiburg aufbreche: Angst, dass ich im Stau stehe, wenn die Versammlung losgeht, dass der Club einen zu kleinen Saal gebucht hat, dass es Schalkeeske Saalschlachten gibt oder die Wir-sind-Finke-Freunde juristisch versiert den Abend an sich reißen. Hinter Ulm verlasse ich die Autobahn und weiche auf die verlässlich-langsame Kurzstrecke Richtung Höllental aus, entlang der Heimatorte großer Kicker und Denker: Riedlingen (Uwe Spies), Messkirch (Martin Heidegger) und Löffingen (Martin Braun). Zur Aufmunterung höre ich Paul Wellers „Headstart for Happiness“ und den leider total unwitzigen Eckhard Henscheid, „Wie man eine Dame verräumt“. Endgültig in Freiburg angekommen bin ich, als mich eine unbekannte Frau am Alnatura-Backstand bittet, nie mehr in ihrer Nähe mit dem Handy zu telefonieren.

Der Ort:
Den Paulussaal erlebte ich mit Ausnahme eines Polt-Gastspiels nie als Ort ausgelassener Heiterkeit: Als ZMF-Mitarbeiter sah ich hier einst Art Garfunkel knöttern und Dizzy Gillespie pusten, und auch die Debatte um Cheffeuilletonist Gerhard Jörder fand als schräge Befindlichkeits-Orgie unter der Sixties-Akustikdecke hier statt. Ausgerechnet diesen Kirchensaal hat der SC Freiburg für einen eher unfrommen Abend angemietet. Die Jahreshauptversammlung oder „Der Tag der Abrechnung“ (Michael Dörfler, BZ)

Die Hauptdarsteller und ihre Kostüme:
Unter ziemlich donnerndem Applaus betritt der Vorstand den Gerichtssaal: Henri Breit wirkt mit seinem obligatorischen Westchen wie der Chef eines Schreiner-Kollektivs namens „Grünspan“, Fritz Keller schaut abwechselnd verschmitzt und sorgenvoll aus dem grauen Anzug, der launige Achim Stocker erscheint im Sakko weit frischer als befürchtet und Martin Weimer erinnert im schwarzen Anzug ein wenig an Jack Nicholson in vollschlank. Vor allem bei den später recht wirren Wortmeldungen guckt er, als ob er unterm Tisch gerade den Schalldämpfer fürs geräuschlose Umpusten aufschraubt. Achim Trenkle, Frontmann von „Wir sind Finke“, wählt dagegen zum Ohrring ein weißes Hemd mit Rüschen und eine weiße Hose – perfekt für den Oberpiraten in „Fluch der Schwarzwaldstraße“. Als Moderator tritt der hendlbraune CDU-Staatssekretär Gundolf Fleischer im dunkelblauen Bootsbesitzer-Blazer an.

Die Debatte:

Achim Stocker gibt in seinem Rechenschaftsbericht bisweilen Einblick in Interna, die man nicht unbedingt wissen wollte, macht aber seine Sache sehr fachmännisch und kämpferisch. Vor allem dekonstruiert er zur Freude der Saalmehrheit einmal mehr lustvoll das Image des Intellektuellen-Clubs. Henri Breit legt einen Bericht vor, der ohne Fehl und Tadel ist und beantwortet 72 Anfragen zu 11 Themenkomplexen binnen einer Viertelstunde. Spätestens da ist klar, dass der Westen-Mann eher den coolen Zahlen-Sheriff als den sanften Ex-Grünen-Stadtrat gibt. Bei den 72 Anfragen frage ich mich noch am Nachmittag darauf, ob sie eher der Diskussionswut altlinker Plenen (Plenums? Plenata?) entsprangen oder im Stile des US-Gerichtsfilms das Verfahren schikanieren wollten. Ich kann es nicht beantworten.

Die Abwähler:
abstimmung.jpg Unter den rund 900 Mitgliedern stellen sie geschätzt ein Achtel der Leute (Bild links zeigt größtenteils die pro-Vorstand-Fraktion beim Neinstimmen). Offenbar war es vielen der Allesunterschreiber vom Frühjahr zuviel abverlangt, für 40 Euro Jahresbeitrag Mitglied beim SC zu werden. Die WsF-Initiative erscheint nach der Veranstaltung wie ein cleverer Marketing-Bluff: Sie hatten schöne Flyer und eine gute Medienarbeit, aber irgendwie kein großes Personal. Eigentlich wie früher bei uns beim „Fanman“. (Dessen Titelbilder erschienen auch auf wundersame Weise in der Hand Beckmanns bei „ran“ oder auf Seite-Drei-Reportagen der „Stuttgarter Zeitung“, aber trotzdem waren wir ein Ehrenamt-Blatt mit gerade mal 1500 Auflage.)

Die Wortbeiträge:

Die vorgebrachten Antragsgründe bleiben von erschütternder Schlichtheit. Mancher blamiert sich, so gut er kann. Einige Redner beginnen mit Freiburg-typischen Selbstmitleid. Die „Ich-hab’s-auch-nicht-leicht“-Aufzählung: Weite Anreise, Vereinstreue, Zahl der Kinder, Beruf etc. – als hart arbeitender zweifach-Vater, der aus München zum Paulussaal gerauscht ist und 1979 sein erstes SC-Spiel sah, interessiert mich das nicht wirklich. Aber auch hier werden die Intellektuellen-Mythen wieder schwer zerzaust.

Die Legendenbildung:
Jede Wette: Die am Montag recht eindeutigen Ergebnisse werden kaum demokratisch bewertet werden – schon nach Abpfiff hörte ich im Foyer was von Lemming-Verhalten der Mehrheit, die ersten Forumsbeiträge am Dienstag sprechen bereits von einem „Mob“, dem Moderator wird wegen Einseitigkeit die Schuld an fast allem gegeben und natürlich wird auch der „Unprofessionell“-Finger Richtung Vorstand gerichtet statt auf sich selbst. Dabei wurden gestern erstmals Fragen gestellt (und beantwortet), die in den 16 Jahren zuvor nie auf die Tagesordnung gekommen wären. Sehen wir das Ganze als nachgeholte Lektion in Sachen Diskussionskultur.

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Das Nachspiel:
Drei „San Miguel“ in der „Casa Espanola“ zum Runterkommen, danach noch eine Türkenpizza und ein Whopper und anschließend glücklich, aber verregnet die Wohnzimmercouch von Gastgeber „Hoppel“ bezogen. Heute morgen um acht das Foto des unbekannten SC-Fans vor einem Schaufenster mit Wein des rehabilitierten Fritz Keller geschossen und nach München zurück gezwitschert. „Die Vergangenheit ist ein seltsamer Ort“ singt Morrissey aus dem CD-Player. Der Mann hat recht.

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(Beim improvisierten Anonym-Balken handelt es sich um den Opa-Knirps des Oberfans)

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4 Gedanken zu “Auf der Jahreshauptversammlung

  1. …kein wunder, dass du die hosen voll hattest. kannst froh sein, dass sie dich nicht geteert und gefedert haben!

  2. was isn los? passiert nix mehr bei der bayern, was zu berichten wert wäre? hats du nen dicken kopf vom oktoberfest? oder wieso gibts hier seit tagen nix zu lesen. vorwurfsvolle grüße aus der provinz. lp

  3. eigentlich wollte ich noch nicht wieder loslegen, aber Du hast mich jetzt doch animiert, lieber landpunk: das ergebnis siehst Du oben, hat bisschen gedauert, weil ich seit dem wiesnsamstag bereits in innsbruck, berlin und bremen war. aber das leben ist schließlich kein ponyhof und mehr aus berlin gibt’s dann vor dem wochenende. hoffentlich. viele grüße!

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