Geht doch nach drüben

buchcover.jpgZiemlich enttäuscht habe ich diese Woche das Buch „Schaut auf diese Stadt“ beiseite gelegt. Es ist die Fortsetzung von „Hier spricht Berlin“, beide herausgegeben vom vielleicht schlausten Feuilletonisten Deutschlands, Claudius Seidl, und ein paar seiner Kollegen aus dem Umfeld der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Durfte man im ersten Teil noch ganz herzhaft über die Hauptstadt und ihre angeborenen Macken und Stillosigkeiten lachen (in Ermangelung von Feinkost-Kompetenz bekommt Seidl in einer Metzgerei einmal „Pharmaschinken“ angedient), bekommt man jetzt fast schon Mitleid mit den Autoren. Aber nicht, weil es ihnen in Berlin so dreckig geht.

Die meisten von ihnen sind Münchner im Exil und um das Buch zu füllen, haben sie wirklich sehr verzweifelte Alltagsgschichtln niedergeschrieben. Am Ende outen sie sich noch als banale Rolltreppennazis – das sind jene Münchner Effizienzmonster, die mit aufwändigem Regelwerk für Rechtssteher wertvolle Sekunden beim links Überholen herausschinden.

Natürlich ist die Kritik an der Berliner Gastronomie mehr als angebracht. Aber den Großteil stellen Polemiken zur Hauptstadt-Schluffigkeit dar. Mehr als einmal gewinnt man den Eindruck, dass hier Leute, die selbst nicht mehr so hoch springen, sich permanent aufregen, dass die Latte so niedrig liegt. Und sich im angenehmen Dauer-Provisorium Berlin ausgerechnet nach der festgefahrenen Isar-Wurstigkeit zurücksehnen.

Mich hat das Buch ein wenig enttäuscht, zugleich aber auch inspiriert: Wenn ich mich das nächste Mal über Immobilienmakler mit gefälschter Versace-Kluft und echter Schnapsfahne ärgere oder über Zahnarztgattinnen fluche, die den Berufsverkehr mit ihren Drittwagen verstopfen, werde ich dem Verlag Kiepenheuer & Witsch ein Buch namens „Weltstadt mit Schmerz“ oder so anbieten. Die Erlebnisse dazu sind längst in der Schublade. Nach den Elendsberichten der Berlin-Kollegen zwischen Nusskuchen und Wasserschäden habe ich keine Hemmungen mehr, sie rauszuholen.

(Claudius Seidl/Hrsg., Schaut auf diese Stadt. Neue Geschichten aus dem barbarischen Berlin, KiWi Paperback, 8,95 Euro)

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