München im Lebenswert-Test

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Monocle, die Zeitschrift des kanadischen Stilgotts Tyler Brûlé, ist so etwas wie ein aufregender „Economist“ oder ein lesbares „Wallpaper“. Jetzt haben sie dort München zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt, ein Ranking, das natürlich alle todernst nehmen (von „Bild“ bis „International Herald Tribune„). Wäre München Letzter geworden hinter Lagos, Caracas und Braunschweig, die Liste wäre mit genau dem gleichen Eifer für nichtig erklärt worden, so funktioniert das bei jedem Ranking. Ich frage mich: Habe ich ein lebenswertes Wochenende hinter mir, das es mit London, Kopenhagen und New York aufnehmen kann?

ffm_plakat_2007_10x7_72dpi_rgb.jpgJA. Am Freitag wurde das Filmfest eröffnet und das ist wirklich eines der liebenswertesten Kinofestivals seiner Art. Mehr ein Cineasten-Ding, obendrein für Normal-Publikum geöffnet. Schön zu sehen, wenn sich abends die Säle (alle in 15 Minuten Fußweg-Entfernung aufgereiht) mit Zuschauern füllen, die sich auf komplett unbekannten, aber empfehlenswerten Stoff einlassen. Schön, dass hier zwar Prominenz vorbei schaut (dieses Jahr Christina Ricci, Kevin Kline und Richard Linklater), es aber nie einen Roten-Teppich-Wahnsinn à la Cannes gibt. Im Mittelpunkt stehen die Filme und ich habe in den vergangenen Jahren einige Preziosen gesehen (wie „Havoc“ von Barbara Kopple oder „I am a Sex Addict“ von Caveh Zahedi), die im bundesdeutschen Kino leider nicht stattfanden.
(noch bis 30. Juni, www.filmfest-muenchen.de)

JA. Freitag war ich wieder mal rund um Gärtnerplatz und Glockenbach unterwegs und es ist einfach okay, wie sich die Kneipenwelt in diesem überschaubaren Planquadrat entwickelt. Hinzugekommen ist vor einigen Monaten das „Konsulat„, eine einstige Butzenscheibe-Kneipe, die jetzt einen netten Tresen, ein paar Sitzecken und vor allem eine richtig gute Musikauswahl beheimatet. Unaufgeregt, aber heiter.
(Klenzestraße 51, München)

titel2007.jpgJA. Ebenfalls am Freitag habe ich (wenn auch verspätet), die neue Ausgabe von „DelikatEssen„, eines der besseren Restaurantguides in Deutschland, gekauft. Er erscheint in einem kleinen Verlag und ist vor allem in Sachen Aufmachung weit vorn. Bildqualität und Layout sind weiter verbessert worden, die Texte schwanken. Neben Top-Autoren wie Alois Martin finden sich auch etwas bemühte Ausgehschreiber, die wenig Sinn für die Atmosphäre eines Orts entwickeln (Abel würde es „soziale Statik“ nennen). Im Vordergrund steht dann arg Old-Schooliges Nacherzählen von Wein-Säuren und Brie-Reifezuständen, trotzdem ist das Ding konkurrenzlos. Und wie immer mit viel Entdeckungslust beim Lesen verbunden.
(7,80 Euro, www.muenchner.de)

strand.jpgNEIN. Der Stadtstrand auf der Corneliusbrücke. Ich pflege ohnehin das Vorurteil, dass wirklich lebenswerte Städte so eine künstliche Sandaufschüttung nicht brauchen, Hamburg, Berlin und andere mögen das anders sehen. In München haben sie zwar eine wunderschöne Lokalität aufgetan, die ausladende Terrasse eines Brückenpfeilers, aber der Rest ist schnell erzählt: Es gibt Bretterbuden, Lichterketten, Liegestuhlsponsoring, Schepper-Musik und Mixgetränke mit einem Wodka namens „Eisbär„. Ein Ort, um dort gepflegt mit Sand unter den Füßen die „Weltwoche“ zu lesen, ist das nicht. Eher ein Lido-Ersatz, der „Livability“ im Monocle-Sinn nur simuliert.
(auf der Corneliusbrücke, www.die-urbanauten.de)

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8 Gedanken zu “München im Lebenswert-Test

  1. hm, als alter wallpaper-festischist muss ich mir dann wohl doch mal tylers monocle zu gemüte führen… nb: lebenswert ist münchen allemal, auf die rankings sei geschissen. grüssle aus „der“ lebenswerten stadt freiburg schlechthin ;-\

  2. auf rankings kannst Du echt pfeifen.

    aber unbedingt monocle kaufen, ich finde das ding angenehm neu im ansatz. und lies Dir mal die kriterien für die lebenswertigkeit durch und vergleich das mit freiburg ;-). bin gespannt zu welchem ergebnis Du kommst…

  3. also:
    -statt filmfest hat´s das mit den innehöfen (war da schon mal jemand?)
    -gute kneipen und freiburg schließen sich fast gegenseitig aus, aber es gibt ja bestimmt für jeden den passenden verein. dort kann man meter oder stifel saufen und für die damen gibts baileys auf eis…
    -delikat.essen braucht freiburg nicht, denn es gibt ja den abel!
    -die dreisam hat keinen sandstrand und das ist ja laut dir ein echter pluspunkt für die lebensqualität.
    ein weiterer echter pluspunkt für münchen: man fährt nicht mit 35km/h im auto durch die stadt und fragt sich noch nicht mal was man falsch macht

  4. also:
    – innenhöfe ist teilweise charmant, teilweise altbacken
    – gute kneipen muss ich nix hinzufügen
    – abel schägt delikatessen wirklich
    – die dreisam hat zwar keinen sandstrand, aber ein überflüssiges liegestuhl-lokal am ufer hat sie sehr wohl.
    – auto stimmt natürlich, aber dafür ist münchen die einzige stadt der welt, wo man manierentechnisch erst in die u-bahn einsteigt und dann leute rauslässt…

  5. keine ahnung, wer / was mich auf diese website und gerade auf diesen artikel geführt hat. aber wo ich schon einmal hier bin: ein wesentlicher unterschied zw. freiburg und münchen ist, dass in letztgenannter stadt wenigstens ansatzweise so etwas wie club- und nachtlebenkultur zu finden ist, wohingegen dies der schönen stadt freiburg völlig abgeht bzw. aufkeimende ansätze von clubkultur und nachtleben regelmässig von den entscheidungstragenden stellen bzw. den paar wenigen monopolisten des freiburger „eventmanagement“-bereich im keim erstickt werden.

  6. da kann ich Dir nur schwer widersprechen, lieber keep-it-deep, vor allem, weil münchen entgegen aller kenntnisfreien vorurteile durchaus sowas wie subkultur bietet.

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