Heilige Messe

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Bis gestern wurde in Basel die „Art“ gegeben, als Messe so etwas wie „die Olympischen Spiele der Kunst“ (New York Times). Ich habe mich am Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche dort umgeschaut. Da ich es immer etwas verwegen finde, wenn das Feuilleton aus drei, vier Bildbetrachtungen DIE Trends der Kunstwelt zusammentackert, gebe ich nur ein paar Beobachtungen, Lerneffekte und Thesen wieder, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und letzte Wahrheiten:

Vielleicht ist es ja gar nicht so verteuflungswürdig, wie in Basel der Markt das Geschehen lenkt: Die fast gleichzeitig eröffnete documenta (ich war noch nicht dort) will offenbar wahre Kunst abseits der Märkte zeigen und erweitert den Begriff von Gegenwartskunst mal eben um Kupferstiche, Körpertanz und Küchenquatsch, übersichtlicher wird das Ganze dadurch nicht. In Basel besorgt der Markt die Highlights und gibt die Struktur vor, was spannende Kunst ist und was nicht. Videokunst hat sich allem Anschein nach durch fortgesetztes Langweilen etwas erledigt. Ein gewisser Glamour ist der Basler Auswahl nicht abzusprechen. Und pseudo-intellektuellen Smalltalk erspart einem der Business-Anstrich auch.

Schönste Party der Art war für mich das Vitra Event im Design Museum zu Weil. Jeder, der irgendwann mal ein Haus oder einen Stuhl für die Möbel-Schöngeister gebaut hat, schien anwesend zu sein, von Zaha Hadid bis Konstantin Grcic, es gab offene Werkstätten und das Ganze hatte die Atmosphäre eines großen Lagerfeuers der Kunstszene (Bild unten).

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Zu spüren war, dass der Kauf von Kunst inzwischen wirklich das Aktienfieber der Jahrtausendwende abgelöst hat – und dass jeder wie damals mit dem großen Knall rechnet. Inklusive damit, dass er selbst dabei überleben wird, aber einige hastig eröffnete Hinterhofbetriebe und Möchtegern-Sammler den Bach runtergehen. Auf der Terrasse des Hotels „Römerbad“ in Badenweiler, die sich am Andrang alter Sammler erfreute (darunter 70-Jährige in Nike-Sneakers, uuuh), brachte es ein Wiener Kenner spätnachts am Mittwoch auf den Punkt: Vieles, was wir heute sehen, wird in fünf Jahren unverkäuflich sein.

Trotzdem herrschte teilweise die Stimmung eines Sommerschlussverkaufs: Ein Berliner Galerist brachte in zehn Minuten nach Eröffnung sieben Bilder des noch recht unbekannten Uwe Kowski an den Mann und fühlte sich danach wie an der Börse, wenn nach dem Ansturm nur noch ein Schwung Zettel durch die Hallen weht. Schön auch die bereits am ersten Tag ausverkaufte 12er-Edition eines bronzenen Caribou-Geweihs: Die zwölf roten „verkauft“-Kleber neben dem Namensschild der Künstlerin (Bild oben) ergaben selbst ein kleines Kunstwerk, eines das die herrschende Hysterie gut ausdrückt.

Außerdem gelernt: Vor der Eröffnung ist nach der Eröffnung – dem ersten Messetag gehen seit Jahren eine Vernissage, eine Preview und eine „First Choice“ voraus. Gerüchten zufolge gehen die härtesten Sammler davor bereits als Aufbauhelfer ihrer Lieblings-Galerie getarnt auf die Messe.

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Worte, die man auch als Grandseigneur locker reinschmeißen können muss, um in Basel Kunst zu beschreiben: „flashy“ (für knallig) und „sleek“ (für geschmeidig). Es geht übrigens sehr sleek und flashy zu. Keiner wird behaupten, dass nicht auch die Künstlerseele sich auf die Verkaufsfähigkeit eingestellt hat. Die Messe ist voll von zu Kunst umfunktionierter Alltags-Erotik. Die coolsten Galerien kamen dieses Jahr übrigens ganz ohne Schildchen an den Bildern daher – weil ihre Sammler ja ohnehin wissen, was sie wollen. Und natürlich nur mit Herz und Intuition, nie aber unter Wertsteigerungsaspekten kaufen. Schon klar.

Dass sie kein Bild von einem Künstler kriegen, der in zwei Jahren nur noch die Hälfte wert ist, dazu verhilft ihnen die Messeleitung: Statt zwei, drei Hallen mehr zu öffnen, bleibt der Ansturm auf 300 Galerien beschränkt. Sie müssen sich bewerben, um einen der teuren Stände zu kriegen und bekommen regelmäßige Besuche einer Jury, die Präsentation und Qualität der Kunst kontrolliert. Auf diese Weise halten die Aussteller die Highlights ihrer Künstler bis zur Messe zurück – damit wäre dann auch geklärt, warum sich Millionäre über eine für selbst für Karl Napf geöffnete Messe quälen, wenn sie auch ganzjährig diskret zum Galeristen nach Berlin oder New York jetten könnten.

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Ein Gedanke zu “Heilige Messe

  1. Lieber Rudi,

    leider war ich nicht auf der art Basel, vielleicht wäre ich aber lieber mal in die Schweiz geflogen als mit dem ICE nach Kassel geholpert, um mir bei der documenta Kinderbilder von Peter Friedl zeigen zu lassen, der einfach Zeichnungen von sich als Vierjähriger – du weißt schon, runde Menschen mit Besenhänden, Sonne oben rechts, Bäume etc. – in einen Rahmen gesteckt hat. Nicht zu fassen. Ein paar feinsinnige Zeilen darüber findest du bei mir im Blog. Eines ist auf jeden Fall gewiß: Ein Spaß ist die documenta keiner!

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