Was für eine Nacht…

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… sang der Konstantin Wecker heute nacht im Finale eines beeindruckenden Konzerts zu seinem 60. im Circus Krone. Er hatte um kurz nach 20 Uhr einen Abend „wagnerianischen Ausmaßes“ angekündigt und sollte recht behalten: Es war fast halb zwei, der Abend in der sechsten Stunde, als er die Bühne verließ. Zuletzt stimmte er mit Pippo Pollina dieses „Questa Nouvo Realtà“ an, zweisprachig und der ganze ausverkaufte Zirkusbau mit Menschen im besten Kastelruther-Spatzen-Alter erhob sich nochmal und raste.

Wecker brach an diesem Abend vermutlich seinen Stunden-Rekord aus den frühen 80ern, als die Saalordner bei seinem allerersten Krone-Konzert etwa zur 16. Zugabe die Türen öffneten und es hereinschneite, so dass erst recht keiner heim wollte. Gestern dürfte es weit kurzweiliger gewesen sein als damals: seit zwei Jahren hatte er den Saal gemietet und Freunde eingeladen, weil er zum 60. keine heimlichtuerischen Spontanparties wollte.

Christoph Süß vom BR („quer“) moderierte superlaunig und karrte immer wieder Gäste heran, von denen keiner der Kartenkäufer und Geladenen vorher wusste: Willy Astor, Andreas Giebel, Matthias Deutschmann (Bild Mitte), Hannes Wader, Otti Fischer, Wolfgang Dauner, am Ende sogar noch Arlo Guthrie und x andere parodierten, musizierten und amüsierten, was das Zeug hielt.

Auch wenn man mir mit Liedermachern vom Schlage Biermann, Wader, Hirsch und Danzer fern bleiben kann, verehre ich den Wecker, weil er so gar nicht den reinen Innerlichkeits-Sänger verkörpert, sondern so viele Widersprüche zeigt. Früher galt er als „Schwarzenegger der Liedermacher“, weil er braungebrannt und goldbekettet um die Häuser zog. Er drehte Lederhosen-Filmchen, knackte einen Rennbahntresor, nahm kiloweise Drogen und kriegte wieder die Kurve: Matthias Deutschmann sprach gestern von einem „starken Überlebenswillen„, der diesen Abend erst ermöglicht hätte. Wecker ist der Robbie Williams der 68er, nur viel extremer.

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Und dieser Kerl wie ein Baum singt dann entweder die sensibelsten Lieder oder kann wundervoll komponierte Klavierläufe trillern, während er „Schrein müssma, schrein“ oder „Sag nein!“ brüllt – aber nie hängt etwas Polit-Opahaftes daran, sondern immer aufrechte Leidenschaft.

Gegen halb vier hat er dann selig seine eigene Aftershow-Party im sogenannten Tigerstall des Kronebaus verlassen, die ganze Veranstaltung wurde vom BR aufgezeichnet, der ihm damals nach seiner Verhaftung jegliche Kooperationen kündigte. Über die späte Genugtuung zitierte er in unserem Gespräch im Frühjahr Sufi-Weisheiten: Rache sei, wenn man selbst Gift nimmt, um jemanden zu vergiften.

Beim Heimradeln um halb fünf denke ich: Konstantin Wecker ist ein Muster-Intellektueller, wie es ihn viel häufiger geben sollte: Schlau, belesen, kämpferisch, lebenslustig, toskana-fraktioniert und doch urviechig. Er schaut mit Lesebrille und graumeliertem Haar gereift aus, könnte aber auch jederzeit ganz ungestüm einen aus dem Hemd pusten. Einer, der mit Herz und Hirn denkt. Kein Gutmensch, sondern ein guter Mensch.

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(aufgenommen während der vorletzten Zugabe, die miserable Bildqualität sehe man mir bitte nach)

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2 Gedanken zu “Was für eine Nacht…

  1. Weiß, was Du meinst, David. Und ich würde einen Teufel tun, zu behaupten, dass ich mit ihm politisch auf einer Wellenlänge liege. Seine Israel-Kritik und die Quellen, aus denen er sie bezieht, mag ich definitiv nicht empfehlen.
    Was er allerdings in Deutschland gegen Rechtsaußen unternimmt, macht ihn zu einem der Mutigsten seiner Liga.

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