Das war die Ära Finke (2)

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Heute gibt’s die Medienschau: Gut, trotz ähnlich hohen Kauzigkeit-Faktors waren Finke-Zitate nie so cool wie die seines Nürnberger Kollegen Hans Meyer. Trotzdem ließ sich Überraschendes finden, als ich diese Woche mein SC-Archiv umgegraben habe. Am schönsten ist natürlich neben den frommen Weisen Achim Stockers die immer wieder kübelweise vergossene Freiburg-Poesie des deutschen Feuilletons. Aber fangen wir mit dem Trainer-Veteran selbst an:

 

Volker Finke über Fußball, Freiburg, Fettleibigkeit:

„Wer meint, dass er als Trainer die Leute totreden kann, der sollte lieber Politiker werden.“
(als Trainer des TSV Havelse im Gespräch mit dem späteren SC-Pressemann Dietrich zur Nedden, Dez. 1989)

Finkes erste Freiburg-Impressionen:
„Als ich zur Vertragsunterzeichnung für drei Tage hier war, bin ich abends mal ein bisschen durch die Stadt gegangen und auch in ein paar Studentenkneipen. Und da war mein erster Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Da kamen Freaks rein, wie in den Großstädten vor 15 Jahren. Natürlich alles ein bisschen weiterentwickelt mit ökoalternativ und sonst was, aber es ist schon so eine Art Idylle.“
(Finkes erstes Freiburger Interview in der „Stadtzeitung“ mit Uli Fuchs, August 1991. Fragt nicht warum, aber Fuchs nannte sich damals stets „Ulf Biber“. Tierisch lustig: Exakt in der Ausgabe mit dem hier zitierten Finke-Biber-Fuchs-Talk wird irgendein Bernhard Bär gegeißelt, und zwar so: „Klingt verdammt nach Pseudonym – hat er’s nötig?“)

Frage des BZ-Fragebogens: „Mit wem würden Sie gerne im Lift stecken bleiben?“- Antwort Finke: „Mit einem Klempner, der den Lift repariert.“ (BZ-Magazin 1993)

Selbstverschuldete Fettleibigkeit.“
(Im gleichen Fragebogen auf die Frage „Was ekelt Sie an?“. Der damalige Sportchef der Zeitung war geschätzt 150 Kilo schwer, die Antwort wurde breisgauweit als entsprechender Seitenhieb vernommen)

„Profitrainer ist nur ein Abschnitt. Wie viele Jahre genau, das kann ich nicht sagen: Fünf, sechs oder sieben. Aber ich denke, das ist dann die Grenze.“
(Im Doppel-Interview mit Peter Neururer in „Sports„, Sommer 1993)

„Natürlich ist es ein Anachronismus in unserer Unterhaltungsbranche, wenn ein Trainer so lange beim gleichen Verein ist. Aber das muss nicht zur Diskussion führen, ob es zum Schaden für den Verein ist, wenn er den Trainer zu spät entlässt.“
(Im Interview mit Der Sonntag, Mai 2000)

„Der größte Unsinn ist die Behauptung: Der Finke hat zu viel Macht. Wie viele Leute sollen denn bitteschön Einfluss nehmen auf eine Mannschaft? Dann kann man ja gleich einen Stammtisch bilden und jeder darf seine Meinung sagen.“
(BZ-Interview, November 2003)

 

Adorno lebt – Best of Feuilleton:

„Als Christian Simon das erlösende 1:0 einköpfte, umarmten sich Wildfremde, klassenübergreifend, Kleinbürger und Intelligenzia. (…) Spies weiß, was er an Freiburg hat. Dies milde mediterrane Ambiente, wo die Gelöstheit des Südlichen ins Akademische und Körperliche hineinspielt, haben die Stuttgarter keineswegs zu bieten (…) Wir alle, Adorno und Marx und all die Altvorderen schauen gebannt auf das, was sich demnächst im Dreisamstadion tut.
(Helmut Böttiger in der „Zeit“, Frühjahr 1992)


Wenn der erste Freiburger in der Nationalmannschaft spielt, ist Kanzlerdämmerung.“
(„Die Zeit“ im Juni 1993 über Politik und Kick. Gemeint war Kanzler Kohl, die Bestätigung der Prognose wurde nach Jens Todts Debüt um schlappe vier Jahre verfehlt)

„In Freiburg herrschen andere Hochs und Tiefs. Hier ist man sehr wetterfühlig, hier spielt die Psyche eine ganz entscheidende Rolle. Wenn man in Freiburg kämpfen muss, hat man schnell keine Lust mehr. (…) Wenn hier Fußball gespielt wird, ist der Analytiker gleich mit dabei … Das Freiburger Kurzpassspiel flüstert den Dienstleistungsfußballern der anderen mit Rilke zu: ‚Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.’“
(Der Böttiger wieder, im Mai 1994 in der Frankfurter Rundschau)

 

 

Erklär’s mir: Freiburg und Finke

Der Lafontaine der Leibesübungen“
(„Tempo“ über Finke, März 1993)


Frage im Kulturmagazin Heaven Sent:
„Ob der SC Freiburg und sein Trainer Volker Finke wirklich die Nirvana im Adult Orientated Rock der Bundesliga sind?“ (um 1993)

Das Musikmagazin „Spex“ in einer Vorstellung aller 18 Bundesliga-Standorte:
„Freiburg: Heile badensische Welt mit Universitätsanbindung. Wie auf dem Weinfest.“ (September 1993)

„Finke ist der Trainermanagergeneralbevollmächtigte des SC Freiburg“ (Süddeutsche Zeitung, September 1996)

Das damalige SZ-Jugendmagazin „jetzt“ in seiner Saisonvorschau 1999: „Vor jedem Heimspiel wird das sogenannte ‚Badener Lied’ gesungen. Die grauenhafte Marschmusik würde eigentlich schon reichen, aber der gruselige Text verwandelt das Dreisamstadion in eine Geisterbahn. Dass trotzdem alle Multikulturalisten, Mülltrenner und Fahrradfahrer mitsingen, ist ein echtes Millennium-Rätsel.

 

Lobpreis, Schmäh und Analyse:

Christoph Biermann über den Freiburger Klassenerhalt in Duisburg in der taz: „Das Gute hat gesiegt! Das Gute hat gesiegt!“ (Mai 1994)

„Es hat den Anschein, dass sie in Freiburg traurig wären über den Abstieg, am Ende aber damit leben könnten. Bemerkenswert finden das die einen, sportlich ist diese Einstellung fatal.“
(Der kicker im Dezember 2004)

Die Lava Breisgau-Brasiliens ist in Beamtenfußball erstarrt.“
(Martin Halter in der BZ, Dez. 2004)

„Die Fans fühlen sich um ihr Recht auf Tragödie betrogen. Finkes vielleicht größter Fehler war, dass er den SC Freiburg in ein soziokulturelles, pädagogisch-ökologisches ‚Projekt‘ verwandelt hat, in dem das Kerngeschäft Fußball fast wie die schönste Nebensache der Welt erschien.“ (ebd.)

„Überhaupt hält Finke an manchem Spieler fest, der auf ein ordentliches fünf schlechte Spiele folgen lässt. SC-Spiele werden so schnell zum Déjà-vu-Erlebnis. Zusammen mit einer grassierenden Ausredenkultur sorgt das beim Publikum für ein diffuses Gefühl der Langeweile.
(Christoph Ruf, taz, Oktober 2006)

„’Ewige Trainer’ im Profifußball gibt es nicht einmal am Fuße des Schwarzwalds. Ob das Modell Finke (…) das einzig Wahre für diesen umweltbewussten Klub am Rande der Republik war, steht nun auf dem Prüfstand.“
(FAZ im Mai 2007)

 

Der Präsident über Staat, SC und Segen Gottes:

Achim Stocker über den Beamtenberuf:
„Ich werde immer älter, immer dümmer und damit immer geeigneter für den Staatsdienst.“ (um 1993)

„Ich würde auch zwei Millionen Mark an die Caritas spenden, wenn wir dafür in der Bundesliga bleiben. Und sie können mir glauben, ich mag die Caritas nicht.“ (Stocker im März 1997)

Solange die Orgel noch spielt, ist die Kirche nicht aus“.
(Achim Stocker bei jeder erdenklichen Abstiegsgefahr)

Achim Stocker nach jedem erdenklichen Abstieg:
„Wenn man aus der Kirche kommt, ist man immer klüger.“

 

Das Reden der Anderen:

„Wenn Freiburg in der Bundesliga Erfolg hat, haben alle anderen alles falsch gemacht.“ (Der damalige VfB-Manager Dieter Hoeneß, April 1994)

„Freiburg habe ich im Vorjahr mit Stielaugen beobachtet. Sie kämpfen vorbildlich, haben wenig Kapital, der Trainer trägt einen Ohrring. Das ist meine Welt.“
(Roger Willemsen im kicker, Oktober 1995)

„Das einzige Ökosystem des Bundesligafußballs“
(Ludger Lütkehaus, Denker, in der Badischen Zeitung, Dezember 2004)

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2 Gedanken zu “Das war die Ära Finke (2)

  1. Schöne Zusammenstellung. Da wird man auch als Nicht-Unbedingt-Finke-Freund etwas melancholisch. Ob der SC-Historie oder ob des selber Älterwerdens weiss ich nicht.

  2. geht mir seltsamerweise genauso – denke es ist der (überraschende) fakt, dass manches an dieser ära auch lustig war. das hatte man zuletzt nimmer so auf der rechnung. am ende gings ja nur noch darum, dass es der club der bessermenschen ist – mit einem spaßfaktor wie ein bioladen.

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