Das war die Ära Finke (1)

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Er war so lang im Amt wie die Polit-Dinos Helmut Kohl und Rolf Böhme. Er hat einen kleinen Club mit einem Masterplan nach oben gekämpft. Er konnte so stur, eitel und ätzend sein wie Uli Hoeneß und Dieter Bohlen zusammen. Und er geht nach einer der wahnsinnigsten Spielzeiten, die es je gab – nicht freiwillig, auch nicht unverschuldet. Ich geb’s zu: Auch wenn mir am Ende vieles unerträglich vorkam, erinnere ich mich gern an die Fan-Erlebnisse der vergangenen 16 Jahre. Ein ganz subjektiver (und dann doch sentimentaler) Listen-Rückblick auf die Ära Volker Finke. Danke!

Vier unvergessliche Tore der Frühzeit:

  1. Christian Simons herbstmeisterliches 1:0 gegen Jena in der 90. Minute (15.12.1991)
  2. Uwe Spies’ zurechtgezaudertes und endlos vorbereitetes 3:0 gegen Chemnitz (Endstand 4:0, 13.10.1991)
  3. Rodolfo Esteban Cardosos rettendes 1:0 gegen Leipzig in der 84. Minute (30.4.1994)
  4. Cardosos unmöglicher Kopfballtreffer beim 5:1 gegen die Bayern (23.8.1994)

Die größten SC-Ärgernisse

  1. Dieter Frey
  2. Thomas Rath
  3. Oliver Freund
  4. Claus Köhn (Stadionsprecher)

Heimliche Highlights – die lässigsten Siege:

  • Das 6:0 gegen Rot-Weiß Erfurt – erste Ankündigung der neuen Leichtigkeit (24.8.1991)
  • Das 4:0 gegen Hannover 96 bei 40 Grad im Schatten. Gegner war ab der 60. Minute quasi verdunstet (19.7.1992)
  • Das 4:1 gegen Borussia Dortmund – Auftakt der Weihnachtswunderkerzenspiele (11.12.1993)
  • Das 3:0 gegen den HSV – in der Erinnerung ein perfektes Spiel (14.10.1994)
  • Zur Pause beendet: SC –Kaiserslautern 5:2 (nach 5:0-Führung, 22.4.2001)

Meine persönlichen Fan-Abgründe und -Abstürze:

  • Auf dem kurzen Weg zu einem Super-Parkplatz die Tram-Linie 1 gerammt und erst zur zweiten Halbzeit ins Stadion gekommen (1:1 gegen Remscheid, 27.2.1993)
  • Vor der Fahrt nach Hamburg den verabredeten Zug verpasst und am Spieltag um 9.00 Uhr morgens verpennt noch einen Flieger gebucht. Pünktlich um 14.45 in der AOL-Arena die verblüfften Kollegen des Badischen Verlags begrüßt. (HSV – SCF 2:0, 16.10.1999)
  • Nach dem 1:2 gegen Düsseldorf angetrunken mit dem Fahrrad übern Autobahn-Zubringer ins E-Werk gefahren (6.9.1996, Anschluss Kronenbrücke, Ausfahrt Stühlinger)
  • Mario Baslers direkt verwandelte Ecke (2. Minute) beim 1:5 in Bremen. Mein erstes und letztes Fußball-Gucken im Cräsh. (10.3.1995)
  • Nach dem 1:5 gegen Dortmund zu Rekordumsätzen im Swamp beigetragen, danach eine Woche flach gelegen (Lungenentzündung, 17.3.2002)
  • Mit Andreas Rettig und Rathaus-Beistand in den eigentlich harmlosen Wirren der Freiburger Fasnet untergegangen, „Schwabetörle“ etc. (Februar 1999)

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Meine schönsten Auswärtsfahrten:

  • Nach New York-Urlaub in Frankfurt gelandet, von dort direkt zum Hbf Saarbrücken, wo die WG-Kollegen mit dem Wagen zum Stadion Ludwigspark warteten (0:2 in der Aufstiegsrunde Süd, 7.3.1992)
  • Das „Wunder von Zürich“ (Transparent im Stadion Hardtturm): 4:1 gegen den FC St. Gallen im Uefa-Cup. (1.11.2001)
  • Zum Berichterstatten nach Dortmund, auf der leeren Haupttribüne bei Sonnenuntergang den Text vermailt, für die Heimfahrt VIP-Schnittchen von BVB-Ordnern mitbekommen – die Vorräte hielten bis zur nächtlichen Ankunft beim Vorderhaus-Sommerfest in Freiburg. (1:1, 11.9.1999)
  • Letzter Spieltag 2000 in Wolfsburg, Mitbewohner Hoppel verbrüdert sich mit VfL-Ordnern, die im Krieg in Freiburg waren (!), inkl. Schal-Tausch (!!). Bahn-Heimfahrt verlängert sich um eineinhalb Stunden, weil sich zwei KSC-Fans schlafend stellen, bis sie von der Bahnpolizei abtransportiert werden. Fünf Stunden nach Ankunft dann Saison-Abschlussinterview mit dem Trainer (20./21.5.2000)
  • Frankenstadion Nürnberg, 29.5.1999: Der 1.FCN wird einmal mehr in die zweite Liga versenkt, fluchende Franken-Rentner im Presseraum („Von mir krieche die kei Geld mehr“) und eine komplett ausgefallene Nichtabstiegsparty. Dafür 15 Minuten Ruhm für Nürnbergs sexy Pressesprecherin Kerstin Dankowski, die als Walkietalkie-Nummerngirl für Friedel Rausch einspringt.
  • Zauber des Anfangs: In anderen Stadien erleben, wie es früher in Freiburg war – z.B. in Fürth. Im überfüllten Pressekabuff mit ehrenamtlichen Service-Seniorinnen hört man die Spieler in der Kabine nebenan singen und den Stiefel Bier nach dem 4:0 förmlich kreisen. (25.4.2003) In Ulm geht die Freundlichkeit gegenüber uns Pressevertretern soweit, dass uns der Bierzapfer Hilfskräfte zum Bechertransport stellt. Außerdem gibt’s für alle eine Gardena-Gartenschere in SSV-Farben. Putzig. (1:1, 15.8.1999)
  • Auswärtsspiel daheim: Während der Wiesn gewinnt der SC gegen Angstgegner 1860 mit 1:0. Stimme und Fingernagel gehn zu Bruch – es sind noch große Reste SC-Leidenschaft vorhanden. (20.9.2005)
  • Presseraum im Berliner Olympiastadion: Der mäßig gelaunte Volker Finke wird von Maskottchen Herthinho zum Abklatschen gezwungen. Ich werde von Ordnern gemaßregelt, weil es verboten ist, die Cola von Dieter Hoeness wegzutrinken (0:0, 28.4.2000)
  • Das Wunder von Duisburg: Als sich die Zauntore zum Spielfeld öffnen, beginnt eine Meisterschaftsfeier, obwohl es um den Nichtabstieg geht. Unglaublich, wen man auf dem Rasen alles trifft: Seinen Sparkassen-Berater, Bekannte aus Köln, dazu die drei fröhlichen Orchestermusiker vom Stadttheater, die mit mir unbekannterweise auf der Hinfahrt ihre Hühnerflügelchen geteilt haben. Auf der Heimfahrt wecke ich kurz vorm Freiburger Hauptbahnhof meinen völlig besoffenen Ex-Chemielehrer. (7.5.1994)

Sonstige denkwürdige Momente:

  • Kult-Torwart Schmadtke zieht sich aus Personalnot-Gründen in der Schlussphase der Partie in Dortmund das Trikot eines Stürmers über und macht glaub’ ich noch einen Scorer-Punkt für Seretis. (2:3, 18.5.1996)
  • Volker Finke schafft es nach dem 0:4 gegen den HSV in der ersten Abstiegssaison von der Spielanalyse abzulenken und verweist tiefenpsychologisch auf seine Nase, die er sich zwecks Selbstbestrafung im Schlaf blutig gekratzt haben will. (21.2.1997)
  • Richard Golz führt das Wort „Mentalitätsbestien“ in den Freiburg-Wortschatz ein. (Saison 2004/05)
  • Jürgen Klinsmann verzweifelt beim 0:0 gegen den SCF und schrottet nach seiner Auswechslung (für ihn kommt Carsten Lakies) eine Werbetonne im Münchner Olympiastadion. (10.5.1997)
  • Für den Stadionausbau 1999 gehen Finke und Manager Rettig auf eine ganz eigene Roadshow, die sie zwecks Fan-Werbung ins Josfritz, Egon 54 und am Ende des Abends ins Swamp führt. Finke bringt am Tresen den Spruch „Es hat ja keiner gesagt, dass man nicht auch im Sitzen singen kann.“ Am Wochenende darauf zitieren wir ihn und fügen ans Artikelende die „Goldenen Zitronen“-Zeile: „Man kann auch ohne Beine Sportschau sehen.“

(Ja gut, 16 Jahre lassen sich nicht kurz fassen. Ein paar eigens geschnitzte Statistiken und eine Presseschau der Finke-Zeit folgen in den nächsten Tagen)

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3 Gedanken zu “Das war die Ära Finke (1)

  1. Den Beitrag vom 11.09.99 kann Hoppel ohne die folgende Ergänzung nicht so stehen lassen.
    Immer wieder gerne erinnere ich immer an Rudolphs Satz in der Berichterstattung des Dortmundspiels vom 11.09.99 bezüglich der Roten Karte für Boubacar Diarra in der 33. Minute. Herr Raschke kommentierte diese Szene: „Für ein vergleichsweise harmloses Foul an Kohler sah Diarra die Rote Karte!“ Für alle anderen 64.999 Zuschauer im Stadion stellte sich die Szene allerdings wie folgt dar:
    In der eigenen Hälfte, knapp hinter der Mittellinie nahm Bouba einen Anlauf von ca. 40 Metern Richtung Kohler, der gerade zu einem Flankenlauf auf links ansetzte. 2 – 3 Meter vor Kohler sprang Bouba ab und flog in bester Bruce Lee Manier auf den bedauernswerten Kohler zu. Was danach folgte könnte durchaus als Schulungsvideo für Nahkampfspezialisten in jedem Trainingscamp der Welt dienen. Bouba traf Herrn Kohler knapp an der Grenze zum Obärrschänkälhalsbrruch. Der Aufschlag und Kohlers Schmerzensschrei halten durchs Stadion. Überall nur mitfühlende schmerzmitempfindende verzerrte Gesichter. Ich glaube der Herr Kohler spürt die Aktion heute noch. Kein Protest irgendeines Freiburgers für die darauf konsequenterweise folgende Rote Karte für Bouba. Nur an Herrn Raschke ging diese Szene spurlos vorüber, was wohl auch an den vorabendlichen Geburtstagsfeierlichkeiten zu Hoppels 34. Geburtstag gelegen haben mag.
    Womit Herr Raschke das Foul von Bouba verglichen hat, bspw. einer Enthauptung, einer geplatzten Aorta, einer Treibjagd auf Hasen, dem vergessenen Hochzeitstag, …, um zu seiner Einschätzung „vergleichsweise harmlos“ zu kommen erschließt sich mir bis heute nicht.

    Und hier noch ein überliefertes Zitat eines der besten Verteidiger die der SC je hatte, vor allem als kongeniales Duo mit Oumar Kondè immer an der Grenze von Genie und Wahnsinn.

    „Ich bin aufgewacht, habe aus dem Fenster geguckt, den Schnee gesehen, da war für mich klar: Heute ist kein Training. Doch dann ist der Trainer gekommen und hat gesagt, dass wir raus gehen!“
    (Boubacar Diarra)

  2. super-zitat, da fällt mir grade wieder das „erste spiel auf schnee“ für einige in der truppe ein – gegen die damals sieglosen zweitliga-letzten tebe berlin war’s, es ging um den einzug ins halbfinale und es ging natürlich daneben. Im Winter 93/94 war das.

    ansonsten lenkt hoppel vor allem gewaltig von seiner schal-verbrüderungsaktion mit dem wolfsburger-weltkriegs-ordner ab…

  3. Ich finde Rudolph Raschke sollte die Historie des alten Kameradens aus Wolfsburg nicht so despektierlich abtun. Luftwaffenhelfer war in diesen Tagen ein durchaus angesehener Berufsstand, der alle Hände voll zu tun hatte!!!
    Oder wie Herr Oettinger sagen würde:
    „Adolf Hitler war kein Nationalsozialist. Vielmehr hat er bereits seit den frühen 20er Jahren diese Bewegung von der Spitze aus bekämpft, um sie 1945 ruhmreich in den Untergang zu führen!“

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