Reiseprüfungen

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Wie gesagt: Der deutsche Reisejournalismus macht mich ratlos: Längst besuche ich Städte nicht mehr mit Guides in meiner Landessprache, sondern mit englischen, vor allem die Bücher des Stadtmagazins Time Out sind weltweit herausragend. Nur dank Time Out durfte ich Raymond Bilbool kennen lernen, der das wundervolle „Secret Garden“ in Los Angeles führte, ein Bed&Breakfast nahe des Sunset Boulevards. Meines Wissens war das Haus nie in einem deutschen Guide verzeichnet.

Diese sind entweder voll von kunsthysterischen Korinthen (Dumont), schwer übertreffbarer Service-Biederkeit (Marcopolo) oder beinahe-hip. Im Max „City Guide“ Amsterdam lese ich über das Hotel „The Dylan“: „Die 41 Zimmer sind vor allem eines: todschick. Auffallend ist die Liebe zum Detail bis hin zur hauseigenen Grapefruitseife.“ Wer bucht ein Bett wegen der angeschlossenen Seifen-Werkstatt?

Der nervtötendste Reisejournalist Deutschlands ist allerdings Horst-Dieter Ebert. Im musealen Feinschmecker betreibt er die Kolumne „Eberts Bordbuch“, die aber „Der Weg ist das Ziel“ heißen müsste. Wann immer eine Business Class mit 5 Zentimetern mehr Beinfreiheit oder 12 Prozent mehr Liegesitzneigung eingeweiht wird, steigt er in den Flieger, um scheinbar ohne Aufenthalt eine sinnlose Hin-und-Zurück-Runde zu drehen und allen auf den Keks zu gehen. Heraus kommen Satzschnitzereien, die ihn zum Udo Lattek des Reisens machen: „Die junge Stewardess (Katrin aus Prag) hat inzwischen ebenfalls einen schneeweißen Dress mit großer, weißer Kellnerschürze angelegt und sieht nun aus wie eine ganz junge Oberschwester, freilich mit flammendem Lippenstift im Gesicht.“

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Im deutschen Reisejournalismus scheint es an allem zu mangeln, nur nicht an Schmier- und Gleitmitteln. Vor allem fehlt es an Fantasie, Leserliebe und Entdeckungslust. Die finde ich hierzulande fast nur in den Büchern von Wolfgang Abel, der jetzt sein Opus Magnum „Oasen am Oberrhein“ neu aufgelegt hat. Heraus kamen 43 höchst vergnügliche Touren zwischen Mittelbaden und dem Alpenrand. Großartige Rumtreiber-Lektüre, die sich auch im heimischen Wohnzimmer angeregt lesen lässt. (Wolfgang Abel,Oasen am Oberrhein, Oase, 3. Auflage, 336 Seiten, 22 Euro)

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Ganz wie es Diderot einst im Sinn hatte: „Bevor wir die Reise um die Welt beginnen, sollten wir die Reise in uns selbst beendigen.“ In diesem Sinn funktionieren auch die Führer der Reihe „jetlag“, eine Parodie des vorhandenen Guide-Schwachsinns, die in komplett erfundene Länder führt. „San Sombrero„, dem dritten Streich nach „Molwanien“ und „Phaic Tan“ (Untertitel: „Karibik, Karneval und Kakerlaken“) liegt übrigens ein „Hot Guide“-Heftchen bei, das oben genanntes „Max“-Prinzip trefflich aufgreift: Gepriesen wird das fiktive „Café Arroganzia“ in Venedig, wo „es einen ganzen Tag dauern kann, bis man bedient wird“ oder die unbeleuchtete Bar „Antilux“ in Sao Paulo, bei der „die Cocktailkarten in Blindenschrift gedruckt sind“. Mein Favorit ist das fiktive Hotel „Yokomaki“ in Barcelona, „Schwesterhaus des El Toro in Tokio. Das ultraminimalistische Foyer heißt hier offiziell ‚Space‘ und es gibt weder Rezeption, noch Möbel, noch Personal.“ (Santo Cilauro, Tom Gleisner, Rob Sitch, San Sombrero, Heyne, 200 Seiten, 14,95 Euro)

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