Das Irrenhaus der Liga (2)

Wenn Sportschau-Moderatoren dieser Tage die Binse vom „etwas anderen Verein“ in den Mund nehmen, werde ich hellhörig, weil gleich ein Aufreger kommt. Wie immer ein tütteliger Beitrag, in dem die latente Barrikaden-Nostalgie und Alternativ-Folklore der Freiburger von außen auf die Spitze getrieben wird. Tenor dieser Beiträge ist meist: Da wird ein Erfolgs-Trainer grundlos entlassen, aber sie haben die Rechnung ohne Zehntausende Aufrechte gemacht. Z’Südbade isch Revolution. Dann blenden sie noch den Herrn Nobelpreisträger mit dem zackigen Doppel-S ein. Gerne würde ich einmal sehen, wie man dem Mann einfach mal die einfachste aller Experten-Fragen stellt: Nämlich, ob Herr Grass einen Spieler aus dem aktuellen SC-Kader nennen kann. Ich bezweifle das, lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

Der gleiche Sportschau-Beitrag läuft auch in Endlosschleife seit Wochen in FAZ und SZ, auch hier die Rollen klar verteilt: Dem ach so populären Erfolgstrainer wird ein Loser-Vorstand gegenüber gestellt, was allein schon durch die Tatsache bewiesen sein soll, dass der eine derzeit kein Mikro und Aufnahmegerät auslässt, während die anderen still ihre Arbeit verrichten und auch mal etwas nicht kommentieren.

Nur so sind Gerüchte-Aufmacher zu erklären, wie sie mein geschätzter und wenigstens mit echtem Rückgrat ausgestatteter Ex-Kollege Otto Schnekenburger gestern im „Sonntag“ fabriziert hat: Aus „hätte“, „soll“ und „scheint“ hat er sich einen Vorstand auf dem absteigenden Ast zusammengezimmert. Man stelle sich vor, jemand hätte mit derlei Mutmaßungs-Vokabular im Herbst gegen den Trainer geschossen, der Breisgau hätte gebrannt. Ohne Schnekis „hinter vorgehaltener Hand“-Stories groß aufzugreifen – mir ist das genaue Gegenteil zu Ohren gekommen: Der ewige Zauderer Achim Stocker soll sich bei der Entlassung des Trainers so sicher sein wie selten bei einer Entscheidung in den Jahren davor. Und dass ein Vorstand wie Fritz Keller, der dem durchgeknalltesten Club des deutschen Profifußballs eben noch einen neuen Hauptsponsor klargefahren hat, kurz vor dem Zurückgetretenwerden steht, muss auch massiv bezweifelt werden.

Für künftige Beiträge zum anderen Fußball-Verein empfehle ich vorab die Lektüre von Dietrich zur Neddens wundervollem Buch „Das Freiburg-Fieber“. Zur Nedden hat schon 1995 mit dem Mythos abgeschlossen, als er folgendes Statement seines Kollegen Michael Quasthoff abdruckte: Alle Freiburg-Verherrlicher, die jubilieren, es gäbe keinen „Ort in Deutschland, der weniger deutsch ist“, vergessen

a) dass Goebbels in Freiburg studiert hat, b) mit welch urdeutschem Fanatismus der Freiburger Körner kaut, nicht raucht und reizende Frauen in Gesundheitsschuhe und Beziehungsgespräche zwingt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass es zur Nedden wissen muss: Er war zu Beginn der Ära Finke 14 Monate lang SC-Pressesprecher.

P.S.: Eine feine Betrachtung zur Mythen-Bildung und -Bekämpfung lieferte Martin Halter am Samstag. Hier geht’s zu einem schlauen Lichtblitz in tiefster Debatten-Nacht.

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15 Gedanken zu “Das Irrenhaus der Liga (2)

  1. nach den neuesten veröffentlichungen der lokalen presse, die ja stets mit großem insiderwissen daherkommt, wissen wir wenigstens eines gewiß: es könnte sein, dass alles anders bliebe, wenn es so wäre, wie man annehmen könnte oder doch vielleicht auch nicht. otto ist halt der man für fakten, fakten, fakten und denkt wohl auch ganz doll an seine leser.

    konjunktivjournalismus vs. investigativjournalismus: 1:0.

  2. Ist nach dem Abschluss des Spieltages das Irrenhaus der Liga nicht vielmehr die Liga selbst? Nachdem der SC ja wohl eindeutig der Sieger im Aufstiegsrennen ist. Vielleicht verliert ja der MSV noch zweimal mit 0:6, Fürth zweimal 0:4 und Lautern spielt zweimal triumphal unentschieden, dann reichen dem SC zwei mental schwache 0:1 für den famosesten Aufstieg aller Zeiten! Ich freu‘ mich jetzt schon auf die Ergüsse des Herrn Rischmüller. Schön seine Finkelobhuddelei nach dem Paderbornspiel – „Er, Finke habe es nicht diesmal nicht geschafft, die Köpfe seiner Spieler frei zu kriegen, stellt sich Volker Finke nobel vor seine Mannschaft. Dass die Spieler seinen Ruf kaputt machen hat er nicht gesagt. So eine Aussage gehört nicht zu seinem Repertoire!“ Gänsehaut pur!!!
    Aprospos Pur, was macht eigentlich der Herr Engler?!
    Und überhaupts in diesem Zusammenhang, wo bleiben eigentlich die Verschwörungstheorien? Hat Roter Anker Fussballschrott absichtlich vorbeigeschossen, damit Finke so toll als BZ-Coverboy gross rauskommen konnte? Versucht Kullerballi als langsamster Fussballprofi mit den dicksten Oberschenkeln der Welt ins Guinessbuch der Rekorde zu kommen? Hat Haschwilli bereits bei allen sechs Erstligisten und dazu noch in England unterschrieben? Und bereitet Trenkle jetzt schon die „Wir-sind-Dutt“-Kampagne vor, wenn Tanko in 16 Jahren der Nachfolger werden soll?

    P.S.: Warum steht der Herr Rischmüller eigentlich nicht unter Deinen feinen Adressen?

  3. „während die anderen still ihre arbeit verrichten und auch einmal was nicht kommentieren.“ meinst du damit fritz „wir sind auf dem tiefpunkt der letzten 20 jahre angelangt“ keller, bzw. henry „wer sich mit mir anlegen will, soll meine tochter aus dem spiel lassen“breit? oder etwa doch achim „nach mir die sintflut, ich gehe erst einmal auf kreuzfahrt“stocker. in der tat ein kompetentes trio, dass in den letzten wochen vor souverinät nur so strotzte

  4. Oder vielleicht Rodar „wer sich mit mir anlegen will, darf keine Frau sein und weil mich keiner mag und alle so böse zu mir sind mag ich hier auch niemanden mehr und gehe wo anders hin zum weiterspielen” Antar, bzw. Alexander „Finke sonst interessiert mich nichts und außerdem interessiert sich die halbe Bundesliga für mich“ Iashvili oder etwa doch Volker „ich sage dazu nichts, rede aber mit jeder bundesweiten Journallie“ Finke bzw. wahlweise Volker „ich konnte den mentalen Hebel der Mannschaft nicht umlegen“ Finke!

  5. nee, ich meinte schon explizit unseren grossen, weit blickenden vorstand. hätte mich allerdings gewundert wenn darauf, genau darauf, nicht auf finkeantariashvilli, sondern auf stockbreit in den keller eine antwort gekommen wäre.

  6. weiß nicht, ob das sinn macht, sich hier im fudder.de-style zu streiten. ich finde dass man durchaus objektiv sehen kann, dass der trainer sehr viele medien derzeit empfängt und teilweise ungefiltert unglaublichen quatsch erzählen kann – z.b. dass er irgendwo gelesen hätte, er würde im „führerbunker“ arbeiten. im „stern“ war von eingebunkert im büro die rede – von hierhin bis zum adolf-vergleich ist es schon noch’n stück.
    ja, SZ, FAZ, FAS, stern, ZDF, ARD wurden alle von einem trainer empfangen (der zuletzt zu seinem langzeit-jubiläum mit niemandem sprechen wollte). breit und keller halten sich derzeit mit kommentaren in diesen medien sehr zurück. das sind fakten! genauso wie der neue hauptsponsor sehr wohl auf fritz keller zurückgeht. auch das ist ein fakt. und dass man henry breit für seine tochter in sippenhaft nimmt und ihn am besten noch als strohmann dahinter vermutet, ist leider auch fakt, ein widerlicher dazu. und dass keller als vorstand seine wut über ein 0:4 kundtut, ist wahr, ist angemessen und war vor allem im dezember und nie gegenstand eines blog-eintrags im mai.
    versteh mich nicht falsch: ich habe keine an diesem ort keine lust auf diskussionen im tonfall von „du-tickst-eh-nicht-richtig“ oder „ich-war-punk-bevor-Du’s-warst“.

  7. Ach Zeierle, was soll i doa doazu no saga. I moin Dua woisch doch wia des isch mit sellem Kreisel ond genau in so oim isch des ganze grad beim SC. Elle wisset elles ond koina wois was gnaus. Dia oine sin dafier dess d`Finke ganga soll ond dia andre dagega. Dia oina wellet a Versammling om aldes baim alda zu loassa ond henn deswega an Verein fier Ewiggeschdrigge grindet, dia andre moinet es sod was neies komma, weil dr alde es nemme so richdig bringa duat. Ond irgendwia henn dia doamit scho au rechd dia was neies wollat. Er hoads ja selbr ofd gnuag gsagd:“I hans ned gschaffd d`Mannschafd mental zom erroicha!“
    Sodele hoasch des jetzd verschdanda. I hans so oifach wia meglich gmacht ond au a bissele was wegloassa. I hoff Dua nimsch mers net kromm, abr i moin hald dess hald amol a Endscheidig droffa worda isch ond ma es doamid au gud sei loassa kennd. Mir sin ons hald doa net so oinig, abr mega dua i Di ond Dei Worschd drozdem.
    Mir sehat ons in Karlsruh, dia schaissed mer zua, ond zur Uffstiegsfeia gega Koblenz.

  8. Meine Fresse Raschke,

    ich kann mich an Zeiten erinnern (FANMAN), da hast Du dieses unsägliche Klischee selbst befeuert.
    Dass Freiburg eben *nicht* anders ist und nie anders war, kannst Du Deinen bräsigen Kollegen in München erzählen. Wir, die wir in Freiburg leben, wissen das schon lange.

    Gäääähhnn

  9. Bisschen aus München rumstänkern? Geil, was? Dass es hier um Leute geht, denen der SC am Herzen liegt ist ja nicht so wichtig. Haste Vorstandsluft geschnuppert und bist von Finke auch schon mal ignoriert oder gar wegen mangelndem Sachverstand runtergeputzt worden? Ja? Alles klar! Danke und tschüss!

  10. Und um was geht es Dir lieber Roman ausser um ein bisschen rumstänkern?
    Keep cool, ich seh‘ hier ist niemanden dem der SC nicht am Herz liegt. Wie gesagt, bei Dir bin ich mir da allerdings nicht so sicher.Im übrigen passt dein Niveau richtig gut zu den Ultras auf Nordmitte.
    Heia Heia SCF (und zwar SC Freiburg und nicht SC Finke)!
    Bitte und gern geschehen!

  11. tja, roman und chris, war das jetzt ein kommentar, der sich auf einen text bezieht oder eher „hauptsach gschwätzt“?

    chris, wenn Dir langweilig ist, musst Du nicht mit schwerem kopf über der tastatur noch was schreiben, schlaf Dich lieber aus.

    und roman: glaub nicht, dass ich Dir unbekannterweise auf Deinen mutmaßungs-kram antworten muss. schaff mal fakten statt fragen. „aus münchen rumstänkern“ darf man glaub ich schon, wenn man sich jede saison soviel spiele antut wie ich. schließlich ist es ja komischerweise okay, wenn man von lübeck aus unterschriften und lobhudelei verteilt (ich meine g.grass), ohne irgendeine nähe zum geschehen zu haben. geh mal in Dich, junge, ob gut und böse wirklich was mit entfernungskilometern zu tun haben.

  12. Nachdem ich neulich den berauschenden SC-Sieg gegen Köln auf der Leinwand verfolgen durfte, stieß ich danach auf folgenden Satz aus „14 Thesen zum Niedergang…“:

    „Und verglichen mit Teams wie dem 1.FC Köln wirkt Freiburg viel zu langsam, zu wenig überraschend, zu wenig kompakt.“

  13. ja karl, aber du hast schon soweit ahnung von fußball, dass Du weißt: der satz liegt ein halbes jahr zurück und dazwischen fand bei köln ein trainerwechsel statt, der die lage eher verschlechtert hat. ich habe dieses statement in der woche eines recht beachtlichen spiels von köln gegen karlsruhe notiert. sorry, dass es nicht für die ewigkeit gemeißelt war. kannst mich aber gern in der spielzeit 2009/10 nochmal dran erinnern, wie das so ist mit köln kompakt.

  14. Hi Rudi,

    Nick Hornby hatte recht: „The natural state of the football fan is bitter disappointment, no matter what the score. “

    Wir sehen uns dann Sonntag?

  15. hi chris,

    klar wäre ich am sonntag gern vor ort, es ist das ende einer ära, die alles in allem schön war, aber in den vergangenen drei jahren bizarre formen annahm, egal. mir fällt beim nachdenken über den SC neben hornby eher wieder „der leopard“ von visconti ein, wo der satz (sinngemäß) fällt:

    „alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist“.

    allen, die dabei sind, viel spaß im stadion, wie auch immer das ausgeht. ich werde in münchen mitfiebern, weil ein neugeborenes in dem fall dem alttrainer vorzuziehen ist.

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