Polleralarm

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Ich wohne seit fünf Jahren in der Münchner Isarvorstadt, nahe Großmarkt und Schlachthof, und eines Tages werden meine Kolleginnen von „Instyle“ das Quartier wohl als deutsches „Meatpacking District“ betexten. Denn das Viertel hat das hinter sich, was man gemeinhin als Gentrification bezeichnet, auf Deutsch: Alt und arm zieht aus, jung und reich zieht ein.

Nur dass dies hier nicht wie in Hoxton, Mitte oder an der Lower East Side mit absinthsaufenden Künstlern geschieht, vor deren Abbruchateliers die Trüffelschweine des Betriebs Schlange stehen. Und am Ende gleich neben den Künstlern mit Loft und Laune einziehen, wenn die ersten Hip-Wirte angesiedelt sind.

Das Phänomen unter unserem Fenster entstand eher München-like: Erst kam die Stadtverschönerung mit fahrbahnverengenden Gehwegen, dazu Betonpoller gegen zu viel Parkplatz-Kreativität. Ein Eiscafé war als Boheme-Basislager vorhanden, danach ging alles ganz schnell: Die Mieten krachten auch ohne Luxussanierung durch die rissigen Altbaudecken, „Helga’s Blusen Boutique“ und „Maler Haas“ schlossen ihre Läden für immer.

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Heute sind wir ein Spätgebärenden-Ghetto wie der Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg oder die Freiburger Wiehre. Das „Valentinstüberl“ hält als Kneipe mit dem höchsten deutschen Beck’s-Umsatz pro Quadratmeter noch die Humorfahne hoch (letzte Woche: Texas-Abend mit „Helles aus Dallas“), hat aber sicherheitshalber noch einen Ableger fürs alternative Schweinsbraten-Bürgertum eröffnet. Hinter der „Kleinen Kneipe“, einer der letzten Bierschwemmen, krümmt sich ein Rolfing-Studio, neue Wirtshäuser heißen „Tagträumer“ oder „Zimt“; in Ladenlokale ziehen Schaufenster-Kreative ein, von denen man nicht weiß, was sie machen: Sie heißen „MeFactory“, „Umwerk“ oder – wirklich so geschrieben – „raeume“, nur weil die ollen Sofakissen von einer Innenarchitektin stammen. Und bei „No Respect“ fahren desparate Hausfrauen aus Miesbach vor, die ihr Abendessen im Latexkittel servieren. Die Dinge des täglichen Bedarfs halt.

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Nur das „House of Fitness“ und das Metzger-Outlet „Magnus Bauch“ retten noch ein wenig vom Flair des ehemaligen Scherbenviertels. Unsere Warmmiete wird diesen Herbst die 1400-Euro-Marke überschreiten. Und trotzdem möchte ich die Fluktuation hier nie gegen die akademische Bräsigkeit unserer Heimat tauschen.

In unserem Erdgeschoss macht jetzt ein Kochstudio auf, was auch immer das heißt. Selbst wenn es dazu beiträgt, dass man in München eines Tages im Monaco-Franze-Stil von unserem Stadtteil sprechen wird („Du Manni, Roecklplatz is out“): Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen – mir ist jedenfalls kein Soho, Westend oder Downtown bekannt, in dem der verblassende Ruhm für Entspannung im Geldbeutel gesorgt hätte. Allerdings fällt mir in München auch beim besten Willen kein Viertel mehr ein, dass man noch als neues Hip-Viertel durch die Mühle drehen könnte. Na ja, muss man halt mit Schwabing wieder neu anfangen.

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6 Gedanken zu “Polleralarm

  1. Servus Rudi,

    ich weiß ja nicht wo Du Dich die letzten zwei Wochen so rumgetrieben hast, aber Magnus Bauch baut um. Die verkaufen zur Zeit aus so einem Würstelbudenanhänger. Ich hoffe das nicht bald ein „Elixia“ aus dem „House of Fitness“ wird.
    Außerdem bin ich mir sicher das vor Schwabing noch Untergiesing gepimpt wird. Ist ja ähnlich wie bei uns, direkt an der Isar (halt die falsche Seite).

  2. servus püppi,
    wo hast Du Dich denn rumgetrieben? 🙂 der bauch-umbau ist seit paar tagen abgeschlossen, das weißwürscht-outlet mit öffnung von 5.30 bis 9.00 ist geblieben, der rest des ladens schon ein wenig richtung feinkost getrimmt. mal sehen, ob auch bei denen bald die goldrand-brille pflicht wird wie bei unserem anderen metzger…

  3. Selber schuld, wenn du dahin ziehst, wo alle Trendigen und Wohlverdienenden hinziehen. Warum nicht Mut zum antizyklischen Umwohnen?
    Im Hasenbergl findst bestimmt noch ein Platzerl der Authentizität…..mit Urinpfützen und Rauschkugelktreff vorm Haus inklusive.
    Aber versteh schon, was du meinst. Deshalb: Giesing rules!

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