Was nicht passt, wird passend gemacht

Laut SWR soll auch Günter Grass unter den Unterzeichnern einer Ganzseiten-Anzeige der „Wir-sind-Finke„-Freunde am Wochenende gewesen sein. Finden konnte ich ihn im Getümmel nicht, dafür aber die üblichen Verdächtigen. Abgesehen von der guten Gestaltung (der partielle Fettdruck der Namen hebt den Finke ab), freuen mich die zahllosen Experten, die ich nie im Stadion vermutet hätte: Philosoph Ludger Lütkehaus, Autor von „Nichts. Abschied vom Sein“ und auch ansonsten in anderen Sphären unterwegs, Atai Keller, Szene-Maskottchen, Kulturvermittler und Stadtrat sowie Nervensäge Traute Hensch, die Hella von Sinnen der Freiburger Kulturpolitik, haben unterschrieben – die drei sind Vollprofis im Mahnen, Unterzeichnen und Anprangern. Ein Aufruf ohne sie ist keiner. Schön, dass sie sich nebenher auch noch um Fußball sorgen.

wsf-anzeige.jpg Das gilt auch für Grass. Nur mal eine Idee: Hätte er sich in einer gegnerischen „Wir-sind-Stocker“-Gruppe engagiert, wäre es für die oben genannten Anzeigenvertreter einfach gewesen – Grass wäre wahrheitsgemäß als ehemaliger SS-Mann bezeichnet worden, der erst kürzlich noch von der „entarteten Presse“ sprach. Man hätte ihm vorgeworfen, dass er im obersten Norden lebt, den SC vielleicht zwei, dreimal hat spielen sehen und als notorischer Berufszausel eh nix mitkriegt. Jetzt ist er halt wieder der größte und wichtigste Literaturnobelpreisträger, den Freiburg je hatte. Was macht „Wir sind Finke“, wenn morgen noch Günther Oettinger zur Initiative stößt? Claudia Roth? Oder Rolf Schafstall?

P.S., Dienstagmorgen: Eines ist mir heute morgen noch durch den Kopf gegangen – warum sind eigentlich die Finke-Unterzeichner zu gefühlten 90 Prozent mit denen identisch, die damals Gerhard Jörder als ewigen Kulturübungsleiter der Badischen Zeitung behalten wollten? Es scheint ein veränderungsfeindliches linkes Milieu zu geben, das diesbzgl. alles unterschreibt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Wie bei Jörder ist auch bei Finke ein überregional guter Ruf da, bei näherem Hinsehen präsentieren sich allerdings beide als schwer flexibel bis altmodisch und denkfaul. Zur Erinnerung: Jörder durfte nach deutschlandweiter Beachtung und gefüllten Paulussälen („Wir sind Jörder“ gab es damals nicht) den Job behalten, stattdessen musste Peter Christ, in dieser Zeit quasi der Stocker der BZ, gehen. Allerdings verlor der so Gerettete trotz der Kulturschlacht die Lust an Freiburg, kam überraschend bei der Zeit in Hamburg unter, wo man bald merkte, dass er als frei assoziierter Stand-by-Spieler vielleicht wertvoller sein könnte. Es ist Finke zu wünschen, dass sein Fall besser ausgeht.

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5 Gedanken zu “Was nicht passt, wird passend gemacht

  1. Schön finde ich auch, dass bei Wir-sind-Finke die Grenze nicht zwischen den Völkern sondern zwischen oben und unten verläuft. Oben stehen die Unterzeichner mit Vollnamen und Berufsbezeichnung, meist irgendetwas ganz wichtiges wie Kontrabassist und dazu noch unzählige Prof.Dr.Dipl was weiss ich noch mit Wohnort und je weiter man runterliest, desto mehr nehmen die Kürzel zu. Mich hätte nicht gewundert, wenn ganz am Ende nur noch Initialien aufgeführt worden wären. Vielleicht ist das auch der Grund, warum bei Herrn Trenkle die Berufsbezeichnung Direktor angegeben ist, damit er sich nicht ganz am Schluss seiner Anzeige wiederfinden muss. Oder bezeichnen sich in Frankreich alle Sozialarbeiter mittlerweile als Direktor. Allerdings noch eine kleine bemerkenswerte Ausnahme. Als letzter Unterzeichner wird dann wieder ein gewisser Herr Zäh mit Vollnamen und Wohnort aufgeführt. Nur die Berufsbezeichner „IchhabdaeintollesZeitungsprojektdasichunbedingtmalwiederverlegensollte“ fehlt leider, aber vielleicht war ja auch kein Platz mehr dafür da.

  2. hihi, die unvermeidlichen berufe (feldenkrais-beauftragte) sind mir natürlich auch aufgefallen, genauso die status-ordnung, die über das alphabet gestellt wird. außerdem haben sie einen, höhö, „fritz keller, unternehmer, freiburg“ aufgerissen, um verwirrung zu stiften, diese höllenhunde. der zäh ist mir allerdings entgangen. gilt nicht unter uns journalisten das hajo-friedrichs-motto „man soll sich nicht mit einer idee gemein machen, auch nicht mit einer guten“? oder sind verleger-darsteller keine journalisten?

  3. „…mit denen identisch, die damals Gerhard Jörder als ewigen Kulturübungsleiter der Badischen Zeitung behalten wollten?“

    Weil es eben diese Gruppe ist, die von Wolfgang Abel in irgendeinem Artikel und ganz anderem Zusammenhang mal zu Recht als Freiburger „Empörungsprofis“ bezeichnet wurde.

  4. Ja, und da hat der Abel wieder mal recht. Dass sie mit dem gleichen Elan ihren Namen schon für 500 andere Begehren hergegeben haben, wertet ihr Anliegen nicht gerade auf, finde ich. Letzte Woche Adelhausermuseum, diese Woche Finke, übernächste Woche dann wieder irgendwas mit Theaterkürzungen…

  5. Wo erkennst Du hier ein linkes Milieu? Ich sehe nur gesättigte Bourgouisie – wobei, vielleicht könnte sich unter diesem Begriff auch der eine oder andere Bloginhaber wiederfinden – die sich auf ner neuen Spielwiese austobt.
    Die rote Front und die schwarze Front trinkt Bier (frei nach TonSteineScherben),
    Venceremos, no parmesan!

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