Berlinzulage

Ich bekenne: Dienstreisen in die Hauptstadt sind für mich inzwischen so aufregend, als ob ich nach New York reisen würde. Man könnte nie dort leben, fährt aber begeistert hin. Daran ändern die hysterischen „Schaut-auf-diese-Stadt“-Titel des „Spiegel“ genau so wenig wie die halbjährlichen Rückzieher im selben Blatt. Am Dienstag war es wieder soweit, wenn auch nur als Tagestrip mit Pendler-Gefühl. Da muss jede Minute Freizeit genutzt werden.

Deshalb habe ich direkt nach Landung wie immer „Monsieur Vuong“ in der Schönhauser Straße/Mitte angesteuert. Längst kein Geheimtipp mehr, aber das einzige asiatische Lokal in Deutschland, das ich freiwillig betrete: Komplett kitschfrei, frisch aufkochend und ohne Frühlingsrollen mit Bofrost-Biss. Ein Traum, der in Filial-Ausbreitung die gute Laune in Deutschland flächendeckend heben würde. (Alte Schönhauser Str. 46, keine Reservierung, www.monsieurvuong.de)

taz-klimawandel.jpg

Ansonsten habe ich mich vor allem an der Pendler-Lektüre erfreut: Während mich ein angetrunken wirkender Pilot mit Juhnke-Durchsagen nach Berlin flog, las ich einen Artikel von Annette Goebel (ex-ZuS, ex-BZ, jetzt-BaZ) in der Berliner Zeitung, die auf dem allwöchentlichen Weg zu ihrem Liebsten den diskreten Charme der knalligen Billigflieger schätzen gelernt hat. Mir war er bisher verborgen geblieben, aber es klang mitreißend, was Sie übers Easyjetten schreibt.

Die Jugendseite der SZ klärte mich auf, dass mein Abflugort München “in Sachen urbaner Coolness noch ein wenig zulegen kann”, Grund: In Berlin sei selbst “der Penny an der Ecke selbstverständlich bis 22 Uhr geöffnet”. Uuuh, das muss der Metropolen-Kleber sein, von dem die “Spiegel”-Urbanisten schnüffeln. Zitty, das beste deutsche Stadtmagazin, druckte einen großartigen Schweizer Leserbrief zum nervigen Berliner Eisbärnachwuchs (“Keiner hat das Recht, dieses Bärli zu töten, nur weil es verstossen wurde.”)

taz-porsche.jpg

Darüber hinaus gefiel das Blatt mit taz-Werbung, die im Porsche- und Learjet-Milieu spielt, aber leider nicht in der Welt lesbarer Zeitungen. Und mit der ernstgemeinten Ankündigung zu “Art goes Heiligendamm”, einem Kunstprojekt von gremien-gestählten Dummlinken (www.art-goes-heiligendamm.net), das die G8-Mächtigen im Juni zur Einkehr zwingt: Kulturfittis und Wissenschaftler sollen zwischen Gipfelteilnehmern und Demonstranten vermitteln. Ich sehe verstrubbelte Generalmusikdirektoren und crazy Teilchenphysiker, die mit Attac-Teenies allen Ernstes auf einen Zauntalk mit George W. harren. Aber: “Der Einsatz der Kunst ist auch metaphorisch gemeint”, schon klar.

Es gibt keine Stadt, in der schöner gescheitert wird als in Berlin. Ich war froh, als wir um 21.50 wieder auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen aufsetzten.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Berlinzulage

  1. Gut geschrieben, Rudi. Es wäre mal wieder Zeit für eine Weltschau ex. Castillo (Oberwiehre). Ich bräuchte u.a. Deinen Rat zum papierfreien publizieren. Übrigens: hat die Anette immer noch so stramme Unterwadeln?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s