Große Gastgeber

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Mittwochabend war ich bei der Eröffnung der sehr liebevoll betreuten Ausstellung „Grand Hotel“ im Münchner Literaturhaus. Es geht ums Ankommen und Abreisen, den großen Auftritt in der Drehtür und im Speisesaal, ja selbst um das Auf und Ab des Lifts – vor allem aber, wie das alles in Büchern und Schriftstellerbiografien seinen Platz gefunden hat. Zwischen alten Speisekarten, Zimmerschlüsseln und allerlei Zetteln sehen wir die Verewigung derselben bei Thomas Mann, Vicki Baum und Joseph Roth. Wir sehen in der Ausstellung aber auch: Die Epoche der Grand Hotels ist vorbei.

Vielleicht auch, weil die großen Gastgeber heute ihr Herzblut an ganz anderen Orten vergießen als in den 300-Bettenhäusern, von denen nur noch die wenigsten im Familienbesitz sind. Einer dieser herzlichen Gastgeber war Franz Keller, der gestern kurz vor seinem 80. Geburtstag gestorben ist. Jeder weiß, dass er ein rauflustiger Winzer und Herd-Missionar war. Als er damals in die Arena stieg, ging es noch um kollektive Genuss-Erziehung – nicht um die Frage, ob ein Wein nun nach eingelegter Birne oder nassem Pferd schmeckt oder die Speisekarte mit „auf“ oder „an“ aufgerüscht wird.

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Ich habe Kellers große Gefechte nicht vor Ort miterlebt. Als ich Mitte der 90er erstmals in seinem „Schwarzen Adler“ in Oberbergen am Kaiserstuhl einkehrte, lernte ich bereits seinen Sohn Fritz an vorderster Front kennen. Mir geht es nah, dass er derzeit eine so schwere Zeit erlebt. Die Party zu seinem eigenen 50. in der Nacht zum Montag hat er diese Woche abgesagt. Aber er hat etwas geschafft, was einen die traurige Nachricht vom Abschied seines Vaters tröstlich aufnehmen lässt: Er führt längst mit Herz (und Erfolg) diesen mächtigen Betrieb, den sich über Jahrzehnte hinweg kaum einer ohne den Namen des Seniors Franz Keller vorstellen mochte. Ganz ohne Ballsaal und Drehtür: Im „Schwarzen Adler“ lebt der Gastgeber-Geist der Grand Hotels noch eine Weile weiter.

P.S., Sonntag abend: Hab eben noch bei „Zeit online“ gelesen, wie der großartige Vincent Klink von seinem letzten Besuch im „Schwarzen Adler“ schwärmt: „Der ‚Adler‘ in Oberbergen war nach dem Willen des Patrons nie eine Fastenklink, sondern ein Ort forcierter Schluckspechte und gnadenloser Selbstverwöhner.“ Auch das trifft auf das Patronat von Franz wie von Fritz gleichermaßen zu!

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