Überlebensgroß: Andreas Gursky

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Es war die bestbesuchte Ausstellungseröffnung, die es im Münchner „Haus der Kunst“ seit langem gab, und sie begann mit einer zusätzlichen Attraktion, einem Stromausfall. Die Münchner Ausstellungshalle musste zur Vernissage des größten lebenden Fotografen am Freitag durch den Hintereingang betreten werden, die Begrüßungsreden fanden im Notlicht statt.

Als alles repariert ist und die gigantischen Fotoprints im Gedränge besichtigt werden können, wundert sich keiner mehr, warum Gursky so irre Auktionsergebnisse erzielt (erst vergangene Woche ging erneut ein Abzug seiner Fotografie „99 Cent“ für 1,7 Millionen brit. Pfund bei Sotheby’s weg). So naiv es klingen mag, aber manche seiner Bilder verkörpern das für Erwachsene, was meine vierjährige Tochter Johanna stellvertretend für alle Kinder liebt – riesige Wimmelbilder: Auf Fotografien vom Grand Prix in Monaco sehen wir erst ein Auto, das in der Bildmitte mit der Leitplanke kämpft. Dann fällt uns die hektische Betriebskamkeit der Monteure an anderen Autos im unteren Bilddrittel auf. Und ein paar Blicke später siehst Du erst, dass tatsächlich ein Formel-Eins-resistenter Schwimmer seine Runden im Hafenpool dreht, links vom Unfall.

Gursky reist mittlerweile rund um die Welt für einzelne Bilder: Er zeigt uns nordkoreanische Jubel-Choreografien, New Yorker Hotelhallen, Börsen in Kuwait und Chicago, Korbfabriken in Asien und natürlich die berühmten US-Supermärkte von „99 Cent“. Faszinierend montiert, mit verschwundenen Fluchten, hell-dunkel-Unmöglichkeiten und einer Motivwahl, die kein Thema auslässt, vor allem aber DAS ultimative Foto an Orten sucht, die eigentlich totfotografiert sind wie die „Tour de France“ oder der Strand von Rimini.

Und diese digital komponierten Bilder, die unsere komplette Lebenswelt zwischen Popkultur und Arbeit einschließen, entzieht Gursky dem Zugriff von Magazinen und anderen Abdruckmöglichkeiten. Er macht sie für Museen und Sammler. Dieses rar-Machen und das Handeln im eigenen Auftrag ist wohl neben der Qualität der Bilder sein zweites Erfolgsgeheimnis.

Erstaunlich übrigens auch die Gäste gestern abend – keinerlei D-Prominenz, von den bekannten Gesichtern konnte man sagen, dass sie wie Gursky ebenfalls die Spitze ihrer Zunft verkörpern. Es schauten vorbei: Der Fußballjournalist Christoph Biermann, der Verleger Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch, der Schriftsteller Christian Kracht, der Architekt Jacques Herzog, der Ex-Playboy Gunter Sachs und jene zwei Männer, die gegen halb neun einen Bummel mit dem Fotografen unternahmen: Ein lustiger, napeleonkleiner Franzose und ein Deutscher mit markanten Kinn – es waren Ferrari-Chef Jean Todt und Michael Schumacher.

http://www.hausderkunst.de/
bis 13. Mai

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3 Gedanken zu “Überlebensgroß: Andreas Gursky

  1. herrlich, herrlich. das macht lust auf mehr. bitte unbedingt in die to do liste aufnehmen für ostern – mnache sachen kann bzw. muss man zweimal sehen!

  2. wenn man das bild das du gemacht hast anschaust, bekommt man irgendwann das gefühl gunther sachs würde einen anstarren. ziemlich spookey!
    ansonsten kann ich nur allen leuten empfehlen, geht ins haus der kunst und schaut euch die bilder an „sensationell“! ich werde bestimmt noch ein paar mal hingehen!

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