Vanity Fair – verlebt in Berlin

Ich versuch’s kurz zu machen: Vanity Fair ist seit heute am Kiosk und es ist nicht das, was ich als Leser erhofft hatte. Nicht der Mix aus Glanz und Intelligenz, den das US-Vorbild vorlebt, nicht das Ding für die Leistungselite, die der Chef Ulf Poschardt im Blick hat (und die im Vergleich zur Geldelite, die jeden Samstag nach zwei Flaschen Wodka ausm P1 wankt, nicht die schlechteste Zielgruppe wäre). Aber vielleicht muss ich umdenken. Zur Leistungselite gehört ab sofort Titelmodell Til Schweiger. Gerade hat er mit „One Way“ einen unheimlichen Kandidaten für den Anti-Oscar des lausigsten Films, die „Goldene Himbeere“, abgeliefert. Außerdem Victoria Beckham, von der alte Bewerbungsfotos aufgetaucht sind, die jetzt recht lieblos betextet wurden. Sogar Tatjana Gsell ist an Bord. Und wie immer Pete, der mit Klamottensack in der Drogenklinik eincheckt, während Kate andernorts sauer abdampft.

Erschreckend sind die wahnsinnig schlechten Überschriften (Über Beckham steht „Die Englische Patientin“, über einer Mode-Vorschau „Heißer Herbst“) und es fehlen all die guten Stories, die die US-Vanity Fair auszeichnen. Zum Beispiel Christopher Hitchens‘ These, wonach der Blowjob in den USA mittlerweile die Unverbindlichkeit eines Handschlags angenommen hat. Oder die Ideen, mit denen Poschardt früher beim SZ-Magazin gewirbelt hat. Zum Beispiel einen deutschen TÜV-Tester in Nairobi unter ein Auto zu legen. Gut, sie haben Michel Friedman zur NPD geschickt, aber diese Story ist in puncto Originalität auch schon die herausragendste.

Ansonsten erfahren wir zum 500.000 mal, das Charles Schumann die besten Bratkartoffeln der Welt macht (völliger Blödsinn! Sie sind okay für Leute, die selbst nichts auf den Herd kriegen, mehr nicht) und selbst vor einer Jörg Thadeusz-Kolumne haben sie nicht zurückgeschreckt. Thadeusz ist inzwischen in mehr Zeitungen zu sehen als Jörg Pilawa in TV-Sendungen.

Der Einstieg zur Til-Schweiger-Story (wenn er das „Borchardt“ betritt, verstummen angeblich die Gespräche) ist an Tütteligkeit nur schwer zu überbieten. Wäre dieser Text an einen Lügendetektor angeschlossen, das Gerät würde explodieren. Der „Stern“ ist ein ehrliches Punkrock-Fanzine dagegen.

Was bleibt? Immer noch die uralte Hoffnung von Feuilleton-Gott Claudius Seidl, wonach Leute, die einen guten Anzug zu schätzen wissen, vielleicht auch mit ein bisschen akademischer Bildung an ihr Geld gelangt sind. Und deshalb auch keine Doofi-Texte zwischen den Anzeigen lesen wollen. Was bleibt noch? Wunderschöne Fotos von Oliver Mark und Robert Wilson. Und die lässigste Email-Adresse, die im deutschen Magazin-Wesen derzeit vergeben ist: posh@vanityfair.de

Ist jetzt doch ein bisschen länger geworden.

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4 Gedanken zu “Vanity Fair – verlebt in Berlin

  1. naja, aber die bratkartoffeln vom charles sind schon echt gut, vielleicht könnte man sich drauf einigen das er das beste roastbeef macht.
    jetzt muß ich mir fast eine ausgabe von dem schlechten magazin kaufen, weil deine ausführungen mich neugierig gemacht haben. mist!

  2. bratkartoffeln hin oder her – das blatt ist ein schmarrn. ein grosser. habe vor der jüngsten zugreise mit der ‚erdhansa‘ (schmidt über die db) aus langeweile den euro für das hochglanzetwas ausgegeben & sofort bereut – das sammelsurium an belanglosen inhalten sucht seinesgleichen, die formate dagegen findet man seit langem in namhaften konkurrenzblättern.. alles in allem also einen euro zuviel investiert, da lobe ich mir die baldige erhöhung des copypreises um 100%, was dem ungeneigten leser die entscheidung zum grausigen abwenden erleichtern mag.

  3. also: erdhansa ist ganz groß, hab ich noch nie gehört, lässig. und das heft hab ich als eingefleischter zeitschriften-junkie nach zwei ausgaben aufgehört zu kaufen – als sie allen ernstes und völlig ironiefrei die freiburger ratssuppe mit gernot erler auf der rosenmontags-agenda hatten. das war selbst für nen dort gebürtigen zuviel. gestern sind sie übrigens auf zwei euro hoch, letzte woche hab‘ ich dann park avenue für einen euro gekauft, war besser.

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