Ab durch die Hecke

„Why is Britain so noisy“ fragt der „Guardian“ heute, ausgerechnet an dem Tag, an dem wir das Vogelgezwitscher-England und das pure Rauschen gestutzter Büsche im Wind genießen. Aus dem elektrisierend-hysterischen London sind wir ins 120 Meilen entfernte Somerset geflüchtet, wo eine der schönsten Hotelperlen der Welt glitzert, das Babington House.

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Dieses Hotel zeigt, warum wir uns in etablierten Häusern oft so ungastlich fühlen: Es ist eine von ganz wenigen Herbergen, die so eingerichtet sind, wie wir es selbst (mit viel Geld) tun würden – ein schöner Kompromiss zwischen Vintage-Designmöbeln und alter Stuck-Herrlichkeit. Dazu ein Spa in einem ehemaligen Kuhstall und Räume, die endlich einmal eine zeitgemäße Antwort auf den Opa-Salonkram darstellen, den uns „Vier Jahreszeiten“ und Co. als gesellschaftsfähig aufschwatzen: Es gibt den Pool Billard-Raum mit schöner Vertäfelung, eine Bibliothek mit Bubble Chair (Bild unten) und eine Bar, die abgewohnt genug ist zum Wohlfühlen und durchdesignt genug für Gran Turismo.

Vor allem die Details machen die Zimmer und Säle zu meinem neuen Hotelliebling: Die unbedienbaren Lichtschalter-Batterien, die Design-Hotels so hassenswert machen, fehlen gänzlich. Das Hotel ist benutzerfreundlich. Im Zimmer läuft zur Ankunft klassische Musik, die an genau diesem Ort und in dieser Lautstärke so erträglich ist wie sonst nirgends in der Welt. Die Minibar im Zimmer verzichtet auf die üblichen Flachmänner für Handelsvertreter und bietet die Dreifaltigkeit der Flaschenwelt: Wasser (kostenlos), Bier, Champagner. Alles weitere regelt der Barmann Ihres Vertrauens.

Die Betten allein sind so groß wie ein komplettes 1-Zimmer-Apartment in London und das Interieur scheint unter dem Motto „Flatscreen meets Freisteher-Wanne“ ausgewählt zu sein. Draußen gibt es Cricket-, Fußball- und Tennis-Felder, mittendrin eine gemauerte Kapelle für Dekorativ-Hochzeiten (Bild oben). Die ganze Anlage stammt aus dem 13. Jahrhundert, genaue Anreise-Beschreibungen gibt es erst nach Buchung. Nur soviel: Das konspirative Haus liegt irgendwo zwischen Frome und Bath.

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Das Hotel verzichtet generös auf Tages-Nassauer, die zum Preis eines Vorspeisentellers alles knipsen und kartografieren. Der Eintritt ist Übernachtern und Members vorbehalten: Dazu zählen neben den Stammgästen auch die Menschen der Region – im Umkreis von 30 Meilen sind die Memberships großzügig gesät. Kurz: Es ist das Hotel, das man schon immer vermisst hat, das man selbst genau so und nicht anders betreiben würde und das man als Reisejournalist am besten verschweigt, um das Wissen darum mit möglichst wenig Menschen zu teilen. Auch wenn in Service- und Gastronomie-Dingen nicht alles 120-prozentig ist, rangiert es für mich derzeit auf Platz 1.

Hier die aktuelle Liste der subjektiv besten Hotels der Welt
(in Klammern Platzierung der Vorwoche)
1. (-) Babington House, Frome, Somerset, England
2. ( 1.) The Oriental, Bangkok, Thailand
3. (2.) Mondrian, Los Angeles, USA
4. (3.) La Maison du Bassin, Cap Ferret, Frankreich
5. (4.) 60 Thompson, New York, USA

http://www.babingtonhouse.co.uk

DZ ab 225 brit. Pfund, vereinzelt freie Tage am Wochenanfang um 100
Pfund.

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3 Gedanken zu “Ab durch die Hecke

  1. Rudi, da wird man neidisch. Nicht nur ob der Behausung, sondern auch des Wetters wegen. Ich dachte immer, man geht nur nach London bzw. England, wenn man „sick an tired of the sun“ ist.

  2. neinnein, ich habe bisher in sechs, sieben besuchen noch nie einen regentag in london erlebt. und habe mich auf dem hinflug schmunzelnd an die nebelklischees erinnert, die uns die edgar-wallace-kindheit beschert hat. alles anti-englische propaganda ;-).

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