London, gefühlsecht

roughtrade.jpg

Sind mal wieder auf Besuch in der Stadt, die wie keine zweite in Europa ihre Bewohner erniedrigt. Und gerade in ihrem Mangel (zu wenig Platz auf den Straßen, keine Wohnungen, schlechter Nahverkehr, unterbezahlte Jobs) zu ungeahnter Liebenswürdigkeit und Kreativität aufläuft. Also München hoch fünf.

Zu meinen liebsten England-Standards zählen die fehlenden Mischbatterien am Waschbecken und die meisterliche Kunst des Fassadenbluffs – unser Unterschlupf bei Freundin Tanja hier zählt allein vier mehr oder weniger künstliche Kamine. Und gestern haben wir erfahren, dass selbst der Buckingham-Palast, wie wir ihn kennen, nur eine Fake-Front mit Durchgang darstellt. Das eigentliche Königin-Wohnzimmer liegt blickdicht dahinter.

Aber wie immer gilt es auch neue Erkenntnisse zu verarbeiten. Eine lose Aufzählung:

– Es gibt in London sogar Berge oder Hügel, von denen man auf die Stadt hinunter blicken kann (sorry, ich wusste das nicht). Wir genießen hier in Forest Hill jeden Tag die Aussicht auf Westminster, London Eye-Riesenrad und die neusten Bau-Spielereien von Lord Norman Foster, seinen Swiss Re-Gurkenturm und das Wembley-Stadion. Letzterem hat er einen Riesen-Bügel aufgesetzt, der noch größer ist als der Haarreif von Daniel van Buyten. Inzwischen glaube ich fest, dass es eher ein Architekten-Spaß war als der Versuch, ein Stadion skyline-tauglich nach oben zu ziehen: Denn aus unserem Schlafzimmer sieht der Stadionbügel einfach nur aus wie die umkippende Ausgabe des Riesenrads nebenan. Quasi Fosters Rachefantasie.

– Zweite Erkenntnis: Wer hier als coole Sau oder groß raus zu kommender Künstler gelten will, fährt einen alten deutschen VW-Bus. Soviele Käferbusse wie hier fahren in Marburg, Freiburg und Tübingen zusammen nicht rum. Würde mich nicht wundern, wenn demnächst Pete Doherty und Kate Moss aus einem VW-Bus in die „Bunte“ torkeln.

– Und dann ist da noch die Tierliebe der Briten, mit einer Putzigkeit, wie ich sie sonst von Kleinkindern im Streichelzoo kenne: Am Samstag stieg das Finale nach fünf Tages-Etappen mit Hochglanz-Tierpostern im ansonsten lässigen „Guardian“, es war einer Hunderassen-Übersicht gewidmet. In der gleichen Ausgabe gab es eine Doppelseite mit allen Vögeln, die man kennen muss. Weil am gleichen Tag irgendein „National Bird Count“-Day war, konnte jeder selbst in Kästchen eintragen, wieviel Kohlmeisen oder Weißkopfadler er am Gefiedertag gezählt hatte. Heute zog dann noch die „Times“ mit einer Hunde-Statistik nach. Ich weiß jetzt, dass 12.857 deutsche Schäferhunde in England leben (Platz 4 der hiesigen Dog-Charts).

Ansonsten habe ich heute vermutlich das beste Stück Rindfleisch meines Lebens und das souveränste Soufflé ever gegessen – bei Angela Hartnett, die Gordon Ramsays Restaurant im Hotel „The Connaught“ bekocht. Ein Traum, ein unfassbar britisher Traum, was Tradition und Innovation im Armchair- und Dunkelholzwesen betrifft. Dazu Weißburgunder von Lageder aus Südtirol getrunken. Und schön angebläut in die Sonne Mayfairs getreten. Lunch ist das neue Dinner.

the-connaught.jpg

Nachmittags dann noch eine CD gekauft bei „Rough Trade“ in Notting Hill, dem Wembley-Stadion unter den Plattenläden; die Mutter aller „Monos“ und „Optimals“, das heimliche Vorbild für den Laden im Buch „High Fidelity“. Die würdevoll gealterten Verkäufer sehen tatsächlich ein wenig aus wie Nick Hornby selbst, glücklicherweise ist kein Kundenbeleidiger à la Barry in der Nähe, als ich die neue „Dexy’s Midnight Runners“ erstehe. Soweit geht die liebenswürdige London-Erniedrigung dann auch wieder nicht.

http://www.angelahartnett.com/theconnaught/

Advertisements

Ein Gedanke zu “London, gefühlsecht

  1. rudi, wie immer wunderbar. ich fühl mich so, als ob wir jeden zweiten tag frühstücken und g’schichtle austauschen (ok, ist ein bisschen one-way). und: weiterhin respekt – du schreibst das super auf. wer braucht das noch das faz-fäuletonn?

    ps: unterhaching?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s