Gestern wurde Deutschlands Obergourmet Wolfram Siebeck 80 Jahre alt und war damit Gegenstand ausführlicher Seite-3-Betrachtungen und Magazin-Seiten, jenes der “Zeit”, wo er wöchentlich predigt, hat ihm sogar die komplette Ausgabe dieser Woche gewidmet. Ich hatte im Winter 2005/06 das Vergnügen, ihn auf seiner Burg bei Mahlberg nahe Ettenheim für ein gut dreistündiges Gespräch zu besuchen, das ich nie vergessen werde. Denn ich bin vermutlich der einzige Mensch, der ausgerechnet bei Siebeck beinahe verhungert wäre. Weiterlesen ‘Siebeck zum Achtzigsten’
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Wer die Sorgen der EU schon immer etwas unheimlich fand und den Spott darüber mäßig originell, hat ja recht. Heute erreichte mich jedoch in einem Newsletter die neue Verordnung zum Schutz der Marke “Neapolitanische Pizza“. Da kommt man dann schon auf den Gedanken, sich langsam mal um das Logo für “Brüsseler Schwachsinn” zu bemühen. Die Zusammenfassung liest sich so: Weiterlesen ‘Beamtenfraß’
Vergangene Woche bin ich mittags kurz beim Vincent Klink in Stuttgart eingekehrt, in einem von vielleicht zwei Sternerestaurants in Deutschland, bei dessen Ambiente man nicht wünscht, man wäre Stevie Wonder. Mittagsmenü ist in Lokalen wie der “Wielandshöhe” immer noch die schönste Tageszeit, man blickt auf Stuttgart und genießt die Gerichte des Meisters, die inzwischen etwas konservatorisch anmuten, wie in einem Museum für aussterbende Speisen. Gut so. Ich esse den besten Kartoffelbrei meines Lebens – selbst der meiner Großmutter war nie besser, dazu Kalbsleber undundund.
Der Patron setzt sich zweimal zu mir zum Plaudern und reicht mir die neueste Ausgabe seines “Häuptling Eigener Herd“, bei dem er mittlerweile sogar das Layout selbst brutzelt. Ich lese darin die neueste Wortkreation, die Vinces Freund Wiglaf Droste in der Zürcher “Kronenhalle” aufgesaugt hat, als ihm der Kellner einen ausgezeichneten “Frühstückswein” empfahl. Und wechsle hiermit schwungvoll das Thema, weil ich mir gleich nach der Heimkehr Drostes Buch “Will den in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?” bestellt habe.
Gelesen, gehört, zitiert: Unter der Überschrift “Molekulare Waschlappen” fasst Wolfgang Abel die Hypes um den spanischen Küchen-Luftikus Ferran Adria und seinen documenta-Auftritt in Kassel gewohnt brilliant zusammen. Der ganze Text erschien im Magazin der “Badischen Zeitung”:
Damit ist die Sache freilich nicht erledigt, schließlich markiert Adrià nur die Spitze einer bizarren Überkulinarisierung des öffentlichen Lebens. Schon seit Jahren zischt und brodelt es auf allen Kanälen, wer keine Meinung zum Niedrigtemperaturgaren und Hochgeschwindigkeits-fritieren hat, gilt mittlerweile als zungenblinder Sonderling. Einem kulinarischen Arschgeweih gleich, hat sich die Debatte über Meersalzkörnung und Jahrgangsessig bis in feinste Nichtigkeiten verästelt.”
Nachtrag, 15.6.: Inzwischen steht übrigens fest, worin Adrias documenta-Beitrag besteht: Natürlich wird er nicht 100 Tage in Kassel anwesend sein, wie die anderen Künstler, sondern täglich zwei Kunst-Besuchern einen seiner raren Plätze in seinem 1500 Kilometer entfernten spanischen Restaurant reservieren. Aus der rauf- und runterbesprochenen documenta-Teilnahme ist also ein Gewinnspiel für Selbstzahler geworden. Wer das neppig findet, kann sich mit der Erklärung des documenta-Chefs Roger M. Buergel trösten, die ebenfalls ein wenig nach Haustür-Trickbetrug klingt. Aber nur ein wenig: Er verstehe die Frustration der Besucher (sagt Buergel in der “Welt”, Anm. RR) «aber Frustration ist der unverzichtbare Bestandteil von Bildung»
Zwei gastronomische Alternativen zum allseits kolportierten München-Klischee sind in den vergangenen Jahren flächendeckend erblüht: Zum einen jene Konversions-Theken, die sich in Ex-Kantinen, Ex-Omacafés, Ex-Stadtwerken, Ex-Balkangrills und anderen Ex-Orten ein freakiges Auskommen besorgen.
Ich habe in meiner Urlaubswoche soeben die andere Erfolgsvariante ausgiebig getestet: jene kleinen Selfmade-Adressen, in denen ein Kaffeeausschank in Hinterzimmer-Manier aufgezogen wurde. Von diesem Modell dürften all jene begeistert sein, die jegliche Hoffnung in die Eichstrich-, Zitronenachtel- und Tiefkühl-Gastronomie fahren lassen haben.
Stellvertretend zwei Beispiele: Das gar nicht mehr so kleine “Aroma” zeigt auf einer mit Kuchenstücken überfüllten Theke (Bild unten) den ganzen Stolz seiner Betreiber, vernünftiges Backwerk an Mann oder Frau zu bringen. (Und zugleich das Selbstbewusstsein, dass bei ihnen nichts Ränder ansetzen wird.) Dass dafür keine Innungskarriere im Konditorenwesen durchlaufen wurde, ist in Sachen Leidenschaft ein klarer Vorteil. Serviert wird eine etwas verwirrende Anzahl an Kaffeesorten, ein zweiter Teil des Hauses hält in bester Alimentari-Tradition vernünftige Schinken, Käse und sogenannte “Pausenbrote” bereit. Wie im Berliner “Lebensmittel in Mitte” wird hier ausgestorbene Bürgerlichkeit charmant reanimiert.
Der zweite Laden ist der “Tagträumer” in meiner Nachbarschaft (siehe Polleralarm). Anfangs war das für mich eine etwas zu anheimelnde, weil scheinbar in der Welt der Orgateams, Therapietreffs und Gruppenräume angesiedelte Kaffeestube. Heute gehe ich gern hin, wenn ich auf dem Kindergarten-Rückweg bei einem feinen Cappuccino schnell die Süddeutsche lesen mag (Bild oben). Das Zeitschriftenangebot dieser Minibar ist angesichts ihrer Badezimmergröße unschlagbar üppig, das Personal extrem angenehm, die tägliche Speisekarte in ständiger Verfeinerung begriffen. Auch hier scheint ein autodidaktischer Zauber zu wohnen, der der “Draußen-nur-Kännchen”-Welt wie dem Systemgastronomie-Universum um Lichtjahre enteilt ist. Und was gibt es Vertrauenbildenderes als eine Tresenkraft, die neben dem Milchschäumen noch Äpfel für eine feine Süßspeise reibt?
Tagträumer, Dreimühlenstraße 17
Aroma Kaffeebar, Pestalozzistraße 24
P.S.: Der “Tagträumer” ist jetzt auch mit einer traumwandlerisch schönen Homepage anzusehen, guckt Ihr: www.tagtraum-muenchen.de
“…,denn genießen war noch nie ein leichtes Spiel” behauptete der Wecker Konstantin einst in seinem mächtigen Gesang “Wenn der Sommer nicht mehr weit ist”. Wie recht er damit hatte, merke ich heute vor jedem Ausflug: Ohne ausführliche Recherche betrete ich keine Gaststätte an den Münchner Umland-Seen mehr. Es lohnt sich stets, Renate Just zu konsultieren, die die besten Adressen in zweiter Reihe kennt und die Wegelagerer am Ufer meidet. Just ist für Bayern und Österreich ungefähr das, was Wolfgang Abel für Oberrhein, Schweiz und Norditalien verkörpert: Ein unbestechlicher, fern des Medienmainstreams arbeitender Kenner der Zustände – Just kennt die Seltenheit eines gelungenen Wirtshausbesuchs und weiß diese Ausnahmemomente umso schöner zu würdigen. Damit hat sie uns in der Vergangenheit zahllose Sonntagsausflüge und Wochenendtrips zwischen Starnberger und Wolfgangsee gerettet. Und am Ostermontag den zum Ammersee. Weiterlesen ‘Unter unserem Himmel’
An dieser Stelle muss ich kurz das Loblied aufs Münchner “Walter & Benjamin” anstimmen: Nur ausgemachte Unholde und Menschen, die zum Lachen ins Dreisamstadion gehen, können dort keinen schönen Abend verbringen. In der Vergangenheit hatte ich Schwierigkeiten, mit dem Laden warmzuwerden, gestern abend hat dort alles gepasst: Essen gut bis sehr gut, es gab Thunfisch mit Gurke und Koriandercreme und das derzeit alle Speisekarten beherrschende geschmorte Kalbsbackerl. Beides schlicht, aber wohlschmeckend aufgetischt.
Die Weinkarte des Ladenlokal-Bistro-Mix’ sind die Regalwände. Dort sucht man sich aus, was man gegen ein Korkgeld von 10 Euro Aufpreis an den Tisch serviert haben will. Auch das eine so faire wie einfache Lösung. Ich habe wieder mal den “Costers del Gravet” der spanischen Keller-Kooperative Capcanes genossen. Die Jungs sorgen u.a. mit koscheren Tropfen für Aufsehen.
Und auch atmosphärisch war es einer dieser gelungenen Abende, an denen man sich jenseits von “nett” oder “lecker” einfach sauwohl fühlt: Gute Tisch-Unterhaltung und viel Gescherzel mit den Nebensitzern links und rechts, aber nicht gezwungen. Mein Nebenmann und ich haben bereits nach zwei Minuten gemerkt, dass wir aus der gleichen Stadt kommen, sind aber gottseidank erst zwei Stunden später darüber ins Gespräch verfallen, und auch das ohne Heimattümelei. Nur war es einmal mehr ein Beleg für meine These, dass München für Freiburg das ist, was New York für Jerusalem verkörpert: Würde mich jedenfalls immer weniger wundern, wenn hier am Ende mehr Dreisampeople lebten als im Badischen selbst.
Walter & Benjamin, Rumfordstraße 1, München, 089/26024174, www.walterundbenjamin.de
Nach dem Arizona-Aufenthalt vergangenen September bin ich wieder in einer dieser unbehausten ein-zwei-Millionen-Staedte gelandet, diesmal in Orlando. Fuer viele mag es Nebensache sein, fuer mich ist es so wesentlich wie schockierend: Man kann hier zehn Meilen weit durch Downtown und Vorstadt fahren, ohne einen einzigen Baecker oder Metzger zu finden. Brot und Fleisch fallen offenbar vom Himmel in die Supermaerkte, ansonsten sind die Beziehungen zwischen der Herstellung von Lebensmitteln und dem Handel damit endgueltig gekappt. Entsprechend schmeckt es auch. Die Basis-Ernaehrung hier ist so sehr im Eimer wie die Umlaute in diesem Beitrag.
Dafuer durfte ich heute einen zu 96 % fettfreien Schinken im Sandwich essen, der Truthahn in der gleichen Filiale lag bei 99 %. Ich warte auf die ersten Schinkenfette im Minusbereich, die tragen vielleicht noch ein paar Schwarten aus dem Koerper ab, wenn man sie isst.
Wer als Ami-Grantler fuer solches Essen nun allein die USA verantwortlich macht, irrt: Hier laeuft nur eine Entwicklung ab, die in langsamerer Geschwindigkeit auch bei uns angerollt ist: Ein Zwei-Seiten-Modell, bei dem auf der einen Seite Gute Bildung/ Geld/ Gesundheitsbewusstsein stehen – und auf der anderen Seite halt das Mist-Sandwich von heute morgen und seine Opfer.
Gibt es Hoffnung? Ja, sogar hier waechst das Bewusstsein. Zu sehen im aktuellen “Time” Magazin, das unter dem Motto “Forget Organic” die Suche nach dem perfekten Apfel zum Titelthema macht. Und ihn wo findet? Natuerlich im eigenen Garten. Ausserdem gesehen (in den vielgeschmaehten USA!): Ein Linienbus, der sein Fahrrad-Transportgitter wie eine Monstranz vorne dran geschnallt hatte. Und zahllose Recycling-Tonnen, auf dem Chicagoer Flughafen. Die Deutschen muessen die Welt also doch nicht allein retten, wie die “Bild” am Montag fuerchtete. (Hab’ die Schlagzeile nur im Vorbeifahren gelesen!)
(Die Story zu diesem raetselhaften Aufenthaltsort? mehr dazu hoffentlich im Mai…)
Einen weiteren überraschenden Abend mit unspektakulärer Ausgangslage gab es dann gestern Abend noch im Literaturhaus. Wiglaf Droste und Vincent Klink waren angekündigt, um aus ihrem herrlichen Buch “Wurst” zu lesen. Droste war leider bettlägrig und Klink schmiss den Abend allein. Aber wie! Literaturhauspublikum war genug da, von Martin-Walser-Koteletten bis evangelischen Kirchentagsfrisuren sah alles wie gewohnt aus. Aber dann saß da der gute Vince, wo normal Imre Kertesz oder Orhan Pamuk Platz nehmen und brachte den Münchnern bei, wo der Bartel die Wurst holt.
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Die frei vorgetragenen Erinnerungen an seine Ausbildungsstadt München und ihre “Hotspots der Schweinevertilgung” waren noch lustiger als die Geschichten aus dem Buch. Und am Ende überlieferte er nach allerhand Nahrungsschmäh und -Verherrlichung noch sein Pfannkuchenrezept, “weil die beschten Pfannkuchen macht nämlich nur oiner: und des bin I.” Tosender Applaus, anschließend haben wir noch etwas Bier und Wein in der Literaturschenke verwurstet.
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