Archiv für Februar 2008

Verbung

titel_h33.jpgVergangene Woche bin ich mittags kurz beim Vincent Klink in Stuttgart eingekehrt, in einem von vielleicht zwei Sternerestaurants in Deutschland, bei dessen Ambiente man nicht wünscht, man wäre Stevie Wonder. Mittagsmenü ist in Lokalen wie der „Wielandshöhe“ immer noch die schönste Tageszeit, man blickt auf Stuttgart und genießt die Gerichte des Meisters, die inzwischen etwas konservatorisch anmuten, wie in einem Museum für aussterbende Speisen. Gut so. Ich esse den besten Kartoffelbrei meines Lebens – selbst der meiner Großmutter war nie besser, dazu Kalbsleber undundund.

Der Patron setzt sich zweimal zu mir zum Plaudern und reicht mir die neueste Ausgabe seines „Häuptling Eigener Herd„, bei dem er mittlerweile sogar das Layout selbst brutzelt. Ich lese darin die neueste Wortkreation, die Vinces Freund Wiglaf Droste in der Zürcher „Kronenhalle“ aufgesaugt hat, als ihm der Kellner einen ausgezeichneten „Frühstückswein“ empfahl. Und wechsle hiermit schwungvoll das Thema, weil ich mir gleich nach der Heimkehr Drostes Buch „Will den in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?“ bestellt habe.

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Aber glauben möchte man es

Ein paar Dinge, von denen ich diese Woche kurzzeitig überzeugt war:

  • Es ist schlecht, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit unter der Leiter des Vermieters durchzumüssen.
  • Es hilft, wenn man das Hemd vom Vorwochen-Sieg am Spieltag darauf wieder anzieht.
  • Es wird schiefgehen – weil die Kollegin, mit der man noch keine Niederlage gesehen hat, nicht zum Auswärtsspiel mitfährt.
  • Es ist der größte Schwachsinn, wenn Dich ein Freund vor der Abfahrt zum Leeressen des Tellers auffordert – aber selbstverständlich machst Du es, um Dir nach Abpfiff blöde Vorhaltungen zu ersparen.
  • Es könnte ein Fehler sein, die in Paderborn getragene Jacke anzuziehen. 

Bevor ich nächste Woche auf Hasenpfoten, schwarze Katzen oder jugendliche Modetorheiten zurückgreife, bitte ich um ernstgemeinte Hinweise, was gegen konsequentes Pressing, optimale Chancenverwertung oder ungeahnte Stürmercomebacks beim Gegner hilft. Vielleicht kann mich aber auch jemand mal ordentlich schütteln. 

Niedersachsens Team der Woche

Auf Spiegel Online gibt es ein obskures Spielernoten-Bewertungssystem, aus dem eine „Elf des Tages“ für jeden Zweitliga-Spieltag geschnitzt wird. Mit Ausnahme von zwei Dutzend Pfälzern scheint dieses Angebot außerhalb von Osnabrück keine alte Sau zu interessieren. So sah jedenfalls Sonntag abend gegen 23 Uhr die schwer repräsentative Spiegel-“Fan11 des Tages“ aus:

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The Golzfather

Das erste Spiel mit dem SC Freiburg gegen den Hamburger SV nach meinem Wechsel 1998. In der 90. Minute habe ich einen Elfmeter gehalten, das Spiel ging 0:0 aus. Anschließend hatte ich eine Adrenalinvergiftung.“

Torwart-Ikone Richard Golz im aktuellen kicker auf die Frage „Welches Spiel werden Sie nie vergessen?“(sämtliche 33 Fragen mit teilweise sensationellen Antworten hier

Charismatischer Wochenauftakt

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Ich hatte mir den neuen Heiland ja ein wenig anders vorgestellt. Zumindest nicht als mäßig ausgeleuchteten Mann in einer Wolke aus freigestellten Partikeln (Staub? Spuckefetzen? Insekten? unsauberes Kamera-Objektiv?). Die neuen „Spiegel“-Chefs haben offenbar ganz neue Ideen, wie man Aura um sich zaubert. Musste spontan an den rußigen Beatnik bei Charlie Browns Peanuts denken, der immer diese Dreckwolke um sich rum trägt. Hat der eigentlich einen Namen? Kennt den überhaupt noch jemand? Kommt Messias am Ende von Messi?

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P.S., Mittwochnachmittag: Eben erreicht mich von der so geschätzten wie aufmerksamen Leserin Ruth S. aus M. ein Bild, das der Weltöffentlichkeit nicht vorenthalten werden darf. Ich gestehe, dass ich es beim Doppelgängerbezug wohl klein wenig übertrieben habe, aber ein 1a-“Spiegel“-Cover ist das allemal. Schaut selbst:

War alles viel schlimmer

Dass die dunkelsten Jahre der Deutschen immer noch neue Geschichten zutage fördern, beweist derzeit nicht nur der Enzensberger mit seinem neuen Buch. Offenbar muss auch die Dauer der Nazizeit neu aufgerollt werden. In der Veranstaltungsbeilage „Ticket“ der Badischen Zeitung fand sich jedenfalls gestern dieser Hinweis (über den Regisseur Mike Nichols, dank an den Hoppelhasen für den Fund):

1939 in Berlin geboren, musste er sieben Jahre später mit seinen Eltern vor den Nazis nach Amerika fliehen.“ 

Overheard in Freiburg (1)

Vergangenen Freitag wollte ein fortgeschrittener Zecher am Tresen der Jackson-Pollock-Bar mit mir in Kontakt treten:

„Ich glaube, ich kenne Dich irgendwoher…“
Auf meine Gegenfrage, was er so treibt, erklärt er mir, dass er die letzten 19 Jahre in Gelsenkirchen verbracht hat.
„Hm, da war ich in den letzten 19 Jahren eher selten. Woher kommst Du denn?“
„Aus dem Bauch meiner Mutter.“

Ein todsicherer Genickschuss für jeden Dialog der Kulturen. Habe mich dann sehr zügig wieder dem Getränkebestellen zugewandt. Eine halbe Stunde später sehe ich dann, dass der Bauchmensch aus dem Ruhrpott doch noch ein Opfer gefunden hat: Einen Zimmermann im Walz-Outfit. Ein ganz seltsames Deja-Vu - ich wusste nicht, dass die notorischen Zimmerleute an der Theke einer Rockdisco irgendwo die 90er Jahre überlebt hatten.