Heute gibt’s die Medienschau: Gut, trotz ähnlich hohen Kauzigkeit-Faktors waren Finke-Zitate nie so cool wie die seines Nürnberger Kollegen Hans Meyer. Trotzdem ließ sich Überraschendes finden, als ich diese Woche mein SC-Archiv umgegraben habe. Am schönsten ist natürlich neben den frommen Weisen Achim Stockers die immer wieder kübelweise vergossene Freiburg-Poesie des deutschen Feuilletons. Aber fangen wir mit dem Trainer-Veteran selbst an: weiterlesen ‘Das war die Ära Finke (2)’
Archiv für Mai 2007
Zufälle gibt’s: Während ich zuhause einer schweren Angina fröne und als „liegende Apotheke“ dahinsieche, flimmern die Bilder der „rollenden Apotheken“ ans Krankenbett. Zur Stunde läuft die Telekom-Pressekonferenz auf der ARD, der (eher unzufällig) die gelungene, aber naive, Danquart-Doku „Höllentour“ vorangestellt wurde. Schön zufällig auch, dass die einst schwimmende DDR-Apotheke Kristin Otto gestern die Doping-News in „heute“ verlesen durfte.
Beachtlich finde ich nur, dass einer der inzwischen von der Uni entlassenen Telekom-Ärzte weiterhin als Teamarzt meines Lieblingsclubs, des SC Freiburg, geführt wird. Während bundesweit im Stil von tränenreichen Nachmittagstalks „Das Geständnis“ abgelegt wird, gibt der SC-Präsident sogar noch eine Ehrenerklärung für den Hochdoper ab. Wahrscheinlich hat der Doktor keinem Kicker je EPO verpasst, aber welcher Ladenbetreiber beschäftigt einen gesuchten Dieb, nur weil der bei ihm ausnahmsweise nix klaut? Erstaunlich auch, dass die aktualitätshungrige, recherchegeübte und meinungsstarke Lokalpresse im Breisgau das Thema „Dopingarzt beim SC“ keine fünf Zeilen zu interessieren scheint.
Es wäre pharisäerhaft, mit den jetzigen Erleuchtungen rückwirkend zu fragen, wie so jemand je verpflichtet werden konnte. Aber ein bisschen dürfte auch der SC und der für die Sportärzte zuständige Cheftrainer geahnt haben, dass in der Freiburger Uniklinik nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Dafür sprach nebenbei auch das große Tour-de-France-Interview der „Süddeutschen“ mit Dr. Lothar Heinrich im Juni vor einem Jahr. Zitat:
SZ: Musste nicht spätestens da für Sie als betreuender Arzt klar sein, dass Ullrich verführbar ist? Wer in der Disco Drogen schluckt von Wildfremden, ist doch zu viel Unfug fähig. Zumal, wenn er sich in einer Hochdopersportart bewegt?
Heinrich: Ich sehe den Profiradsport nicht als Hochdopersportart. Ich sehe den Sport an sich als anfällig für Doping. In einem extremen Ausdauersport profitiert ein Radsportler natürlich vom Doping, ob Blutdoping oder Epo. Sicher mehr als Fußballer oder Handballer. So gesehen ist Radsport als Hochleistungssport anfällig für Doping. Eine Hochdopersportart ist es aber nicht.
(Überhaupt ein sehr vielsagendes Interview unter der Überschrift „Meine Arbeit ist Teamarzt, nicht Dopingkommissar“, nachzulesen hier)
P.S.: Der SC hat inzwischen die Zusammenarbeit mit Prof. Dop. Andreas Schmid ebenfalls beendet.
Er war so lang im Amt wie die Polit-Dinos Helmut Kohl und Rolf Böhme. Er hat einen kleinen Club mit einem Masterplan nach oben gekämpft. Er konnte so stur, eitel und ätzend sein wie Uli Hoeneß und Dieter Bohlen zusammen. Und er geht nach einer der wahnsinnigsten Spielzeiten, die es je gab – nicht freiwillig, auch nicht unverschuldet. Ich geb’s zu: Auch wenn mir am Ende vieles unerträglich vorkam, erinnere ich mich gern an die Fan-Erlebnisse der vergangenen 16 Jahre. Ein ganz subjektiver (und dann doch sentimentaler) Listen-Rückblick auf die Ära Volker Finke. Danke!
weiterlesen ‘Das war die Ära Finke (1)’
Zwei gastronomische Alternativen zum allseits kolportierten München-Klischee sind in den vergangenen Jahren flächendeckend erblüht: Zum einen jene Konversions-Theken, die sich in Ex-Kantinen, Ex-Omacafés, Ex-Stadtwerken, Ex-Balkangrills und anderen Ex-Orten ein freakiges Auskommen besorgen.
Ich habe in meiner Urlaubswoche soeben die andere Erfolgsvariante ausgiebig getestet: jene kleinen Selfmade-Adressen, in denen ein Kaffeeausschank in Hinterzimmer-Manier aufgezogen wurde. Von diesem Modell dürften all jene begeistert sein, die jegliche Hoffnung in die Eichstrich-, Zitronenachtel- und Tiefkühl-Gastronomie fahren lassen haben.
Stellvertretend zwei Beispiele: Das gar nicht mehr so kleine „Aroma“ zeigt auf einer mit Kuchenstücken überfüllten Theke (Bild unten) den ganzen Stolz seiner Betreiber, vernünftiges Backwerk an Mann oder Frau zu bringen. (Und zugleich das Selbstbewusstsein, dass bei ihnen nichts Ränder ansetzen wird.) Dass dafür keine Innungskarriere im Konditorenwesen durchlaufen wurde, ist in Sachen Leidenschaft ein klarer Vorteil. Serviert wird eine etwas verwirrende Anzahl an Kaffeesorten, ein zweiter Teil des Hauses hält in bester Alimentari-Tradition vernünftige Schinken, Käse und sogenannte „Pausenbrote“ bereit. Wie im Berliner „Lebensmittel in Mitte“ wird hier ausgestorbene Bürgerlichkeit charmant reanimiert.
Der zweite Laden ist der „Tagträumer“ in meiner Nachbarschaft (siehe Polleralarm). Anfangs war das für mich eine etwas zu anheimelnde, weil scheinbar in der Welt der Orgateams, Therapietreffs und Gruppenräume angesiedelte Kaffeestube. Heute gehe ich gern hin, wenn ich auf dem Kindergarten-Rückweg bei einem feinen Cappuccino schnell die Süddeutsche lesen mag (Bild oben). Das Zeitschriftenangebot dieser Minibar ist angesichts ihrer Badezimmergröße unschlagbar üppig, das Personal extrem angenehm, die tägliche Speisekarte in ständiger Verfeinerung begriffen. Auch hier scheint ein autodidaktischer Zauber zu wohnen, der der „Draußen-nur-Kännchen“-Welt wie dem Systemgastronomie-Universum um Lichtjahre enteilt ist. Und was gibt es Vertrauenbildenderes als eine Tresenkraft, die neben dem Milchschäumen noch Äpfel für eine feine Süßspeise reibt?
Tagträumer, Dreimühlenstraße 17
Aroma Kaffeebar, Pestalozzistraße 24
P.S.: Der „Tagträumer“ ist jetzt auch mit einer traumwandlerisch schönen Homepage anzusehen, guckt Ihr: www.tagtraum-muenchen.de
Wenn die Spieler – so wie ich – den Kopf nicht frei kriegen, hat der Sportclub keine Chance.“ (Frank Rischmüller im sogenannten „Vorspiel“ seines SC-Tagebuchs am vergangenen Sonntag)
Betet mit mir, dass Freiburgs Radioreportergott Frank Rischmüller zum Saisonfinale gesund bleibt und ein gut belüftetes Oberstübchen behält. So wie ich …
An den Stromkästen im Münchner Glockenbachviertel hat ein schöngeistiger Spaßvogel die lästige Zettelwirtschaft optimiert: Auf diesem Aushang finden gleich mehrere Vermisst-Viecher, die Genre-üblichen Rechtschreibprobleme sowie fehlerhafte Mobilnummern und dubiose Urlaubsangebote Platz. Fünf in einem: Bis auf eine zünftige Tanz-, Gestalt- oder Urschreitherapie ist die Perfektionierung der Quartiers-Deko gelungen.
(geschossen Ecke Pestalozzistraße/Stephansplatz)
Heute ist Mutter- und Vatertag in einem – ich bin heute mittag zum zweiten Mal Vater geworden. Der Raschke 2.0 heißt Philipp und kam in der Maistraße zur Welt. Ein wundervoller Tag. Das Bild zeigt die Klinikterrasse mit der werdenden Mutter in den 72 Stunden Anlaufzeit davor. Weißblauer Nachwuchs, alle sind wohlauf.
Wie gesagt: Der deutsche Reisejournalismus macht mich ratlos: Längst besuche ich Städte nicht mehr mit Guides in meiner Landessprache, sondern mit englischen, vor allem die Bücher des Stadtmagazins Time Out sind weltweit herausragend. Nur dank Time Out durfte ich Raymond Bilbool kennen lernen, der das wundervolle „Secret Garden“ in Los Angeles führte, ein Bed&Breakfast nahe des Sunset Boulevards. Meines Wissens war das Haus nie in einem deutschen Guide verzeichnet.
Diese sind entweder voll von kunsthysterischen Korinthen (Dumont), schwer übertreffbarer Service-Biederkeit (Marcopolo) oder beinahe-hip. Im Max „City Guide“ Amsterdam lese ich über das Hotel „The Dylan“: „Die 41 Zimmer sind vor allem eines: todschick. Auffallend ist die Liebe zum Detail bis hin zur hauseigenen Grapefruitseife.“ Wer bucht ein Bett wegen der angeschlossenen Seifen-Werkstatt? weiterlesen ‘Reiseprüfungen’

(Foto: Stevie Casino, www.polt.de)
Jubiläumsjournalismus ist etwas Grausames, vor allem im Feuilleton: „Dem Komponisten xy zum 95.“, „Der Schriftsteller yz hätte heute seinen 110.“, „Heute vor 200 Jahren starb der Philosoph…“ – Eine schöne Ausnahme dieser Tage: Gerhard Polt ist gestern 65 geworden und da kann man nie genug kriegen an Wiederholungen seiner Filme, aufwändigen TV-Portraits und schönen Interviews wie gestern in der Süddeutschen. Ein Auszug:
SZ: Was gibt’s denn bei Ihnen am Geburtstag zum Essen?
Polt: Spargel. Ich bin quasi in den Spargel und in die Waldmeisterbowle hineingeboren worden. Die Waldmeisterbowle gibt’s kaum noch, die ist quasi ausgestorben. Ich glaub’, ich hab’ schon 50 Jahre keine mehr getrunken. Das war eine eigene Art, zum Kopfweh zu gelangen.
Wenn Sportschau-Moderatoren dieser Tage die Binse vom „etwas anderen Verein“ in den Mund nehmen, werde ich hellhörig, weil gleich ein Aufreger kommt. Wie immer ein tütteliger Beitrag, in dem die latente Barrikaden-Nostalgie und Alternativ-Folklore der Freiburger von außen auf die Spitze getrieben wird. Tenor dieser Beiträge ist meist: Da wird ein Erfolgs-Trainer grundlos entlassen, aber sie haben die Rechnung ohne Zehntausende Aufrechte gemacht. Z’Südbade isch Revolution. Dann blenden sie noch den Herrn Nobelpreisträger mit dem zackigen Doppel-S ein. Gerne würde ich einmal sehen, wie man dem Mann einfach mal die einfachste aller Experten-Fragen stellt: Nämlich, ob Herr Grass einen Spieler aus dem aktuellen SC-Kader nennen kann. Ich bezweifle das, lasse mich aber gern eines Besseren belehren.
Der gleiche Sportschau-Beitrag läuft auch in Endlosschleife seit Wochen in FAZ und SZ, auch hier die Rollen klar verteilt: Dem ach so populären Erfolgstrainer wird ein Loser-Vorstand gegenüber gestellt, was allein schon durch die Tatsache bewiesen sein soll, dass der eine derzeit kein Mikro und Aufnahmegerät auslässt, während die anderen still ihre Arbeit verrichten und auch mal etwas nicht kommentieren.
Nur so sind Gerüchte-Aufmacher zu erklären, wie sie mein geschätzter und wenigstens mit echtem Rückgrat ausgestatteter Ex-Kollege Otto Schnekenburger gestern im „Sonntag“ fabriziert hat: Aus „hätte“, „soll“ und „scheint“ hat er sich einen Vorstand auf dem absteigenden Ast zusammengezimmert. Man stelle sich vor, jemand hätte mit derlei Mutmaßungs-Vokabular im Herbst gegen den Trainer geschossen, der Breisgau hätte gebrannt. Ohne Schnekis „hinter vorgehaltener Hand“-Stories groß aufzugreifen – mir ist das genaue Gegenteil zu Ohren gekommen: Der ewige Zauderer Achim Stocker soll sich bei der Entlassung des Trainers so sicher sein wie selten bei einer Entscheidung in den Jahren davor. Und dass ein Vorstand wie Fritz Keller, der dem durchgeknalltesten Club des deutschen Profifußballs eben noch einen neuen Hauptsponsor klargefahren hat, kurz vor dem Zurückgetretenwerden steht, muss auch massiv bezweifelt werden.
Für künftige Beiträge zum anderen Fußball-Verein empfehle ich vorab die Lektüre von Dietrich zur Neddens wundervollem Buch „Das Freiburg-Fieber“. Zur Nedden hat schon 1995 mit dem Mythos abgeschlossen, als er folgendes Statement seines Kollegen Michael Quasthoff abdruckte: Alle Freiburg-Verherrlicher, die jubilieren, es gäbe keinen „Ort in Deutschland, der weniger deutsch ist“, vergessen
a) dass Goebbels in Freiburg studiert hat, b) mit welch urdeutschem Fanatismus der Freiburger Körner kaut, nicht raucht und reizende Frauen in Gesundheitsschuhe und Beziehungsgespräche zwingt.“
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass es zur Nedden wissen muss: Er war zu Beginn der Ära Finke 14 Monate lang SC-Pressesprecher.
P.S.: Eine feine Betrachtung zur Mythen-Bildung und -Bekämpfung lieferte Martin Halter am Samstag. Hier geht’s zu einem schlauen Lichtblitz in tiefster Debatten-Nacht.







Kommentar & Analyse